Volkskultur im Kartenbild- Der Österreichische VolkskundeatlasSonderausstellungen im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien und
im Institut für Gegenwartsvolkskunde in Mattersburg
Vor zwei Jahren wurden die Arbeiten am Österreichischen Volkskundeatlas ein-gestellt. Es wurde damit ein Schlußpunkt unter ein wissenschaftliches Unternehmengesetzt, das 1953 mit der Gründung einer Kommission für den Volkskundeatlas inÖsterreich begann und 1982 mit der Herausgabe des letzten Kommentarbandes en-dete. Die Österreichische Zeitschrift für Volkskunde hat das Erscheinen der einzel-nen Lieferungen pünktlich angezeigt und kritisch gewürdigt( 1. Lfg.: ÖZV, XIV/ 63,1960, 58-60; 2. Lfg.: ÖZV, XX/ 69, 1966, 210-211; 3. Lfg.: ÖZV, XXIV/ 73, 1970,67-68; 4., 5., 6. Lfg.: ÖZV, XXXIV/ 83, 1980, 218-220; 6. Lfg./2: ÖZV, XXXV/ 84,1981, S. 214-216).
Die auf 155 Karten zur Darstellung gelangten Sachbereiche stellen eine repräsen-tative Auswahl aus dem Gesamtbereich der Volkskultur dar, wobei man eine mög-lichst ausgewogene Behandlung von Themen aus den Gebieten der Sach- und Gei-steskultur anstrebte. Als Grundlage diente der von Adolf Helbok ausgearbeiteteEditionsplan, vom dem bis auf Punkt III., Begabungsverhältnisse der Bevölkerung,im wesentlichen alle Kapitel erfaßt wurden. Im einzelnen liegen Karten zu folgendenGruppen vor: Siedlung, Flur, Gehöft, Haus; Geräte; Nahrung; Tracht; Volkskunst;Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum; Spiel und Sport; Soziale Volkskunde; Religiöse Volkskunde; Rechts-volkskunde; Volkserzählung. Dazu kommen noch als Spezifikum des Österreichi-schen Volkskundeatlasses sogenannte Grundlagenkarten, die zum Verständnis un-serer Volkskultur beitragen sollen. Es handelt sich dabei um Themen( Bevölke-rungsstruktur, Dialektkarten, Bergbau, Almwesen), die im Österreich- Atlas fehlen.Es scheint müẞig, heute darüber zu streiten, ob das eine oder andere Thema noch un-bedingt hätte in den ÖVA aufgenommen werden müssen. Vollständigkeit darf mannicht erwarten und wurde auch nicht angestrebt.
Problematischer erscheint der Umstand, daß das Kartenwerk äußerst heterogenist, wodurch es sich von anderen volkskundlichen Atlanten in Europa beträchtlichunterscheidet. Ein Grund dafür ist in der uneinheitlichen Materialgrundlage zu su-chen. Das beginnt bei den großen Zeitabständen, die zwischen der 1. und 6. Frage-bogenaktion gelegen sind, und setzt sich fort, daß in Abweichung vom dichten Beleg-ortenetz( zirka 2300 Orte) auch persönliche Forschungsergebnisse in Karten umge-staltet bzw. auch statistisches Material herangezogen wurden. Die Benützung ver-schiedenster Quellen muß aber als positives Kriterium gewertet werden, denn es er-möglichte ein flexibles Arbeiten. Das drückt sich dann auch in der kartographischenDarstellungsweise aus. Den normalen Verbreitungskarten mit Einzelsignaturen ste-hen solche mit Schraffuren oder Farbflächen(„ Fettaugenkarten“) gegenüber. Ab-weichend vom Belegortenetz zeigen Bestandskarten das tatsächliche Vorkommender dargestellten Phänomene( Wallfahrt, Fahrzeugweihe usw.). Es wurde aber auchversucht, dynamische Vorgänge kartographisch sichtbar zu machen( Ausbreitungdes Adventkranzes, des Christbaumes). Charakteristisch für den ÖVA ist weiters,daß die Karten in der Regel synthetisch angelegt wurden, d. h., daß mehrere Aussa-gen in einer Karte vereint wurden. Form, Farbe und Größe der Signatur bringenTypus, Alter und Intensität zum Ausdruck. Jede Karte erhält auf diese Weise einenspezifischen Stellen- und Aussagewert, der in jedem einzelnen Fall einer genauenLesung bedarf. Eine wichtige Hilfe leisten dabei die Kommentare. Über die
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