Aufsatz in einer Zeitschrift 
Follow the Tracks : zur Methodologie der Spurensuche in der ethnografischen Kulturanalyse
Einzelbild herunterladen
 

Christian Elster, Follow the Tracks

189

Ordnung, der sich die Spurbildung verdankt, in eine neue Ordnungzu überführen. 20 Die Störung stellt in den soziologisch geschultenAugen Lindners eine Inkongruenz zwischen körperlicher Pose undmaterieller Kultur dar, die seiner Ansicht nach in verräterischer Rela-tion zueinander stehen. Die neue Ordnung, in die Lindner die Spurüberführt, basiert auf soziologischem bzw. kulturwissenschaftlichemWissen um soziale Milieus und der vor allem von Pierre Bourdieuexplizit gemachten Annahme, dass sich soziale Struktur als Habitusin Körper und Geschmack einschreibt²- und somit indirekt auch indie Dinge, mit denen sich Menschen umgeben. Es lässt sich aus Lind-ners Spurenlese also ein Stück weit auf seine theoretischen Vorlieben,forscherischen Interessen, seine eigene soziale Stellung und, aufgrundder Fotoauswahl, vielleicht auch auf seinen Humor schließen. Wassich hier vor allem offenbart ist jedoch, dass jedes Wissen situiertist.22 Im Fall der Spurensuche wird das besonders deutlich: Spurenerscheinen nur in den Augen der Spurensuchenden als solche und siegewinnen erst durch Interpretation an Bedeutung.23

Die eingangs beschriebene Irritation, die im Gespräch mitmeinem Interviewpartner Moritz entstanden war, basierte auf eineretwas anders gelagerten, Störung' als die eben beschriebene. Moritz,der Besitzer einer stattlichen Musiksammlung, wollte sich nicht alsSammler verstanden wissen. Ich deutete das als Indiz dafür, dass es einImage und eine Art Idealtypus des Sammlers geben müsse, von demer sich abgrenzen möchte. Diese Annahme zog in meiner Forschungeine gerichtete Suchbewegung nach sich: Ich war sensibilisiert für

20

21

Ebd., S. 17.

Vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaft-lichen Urteilskraft. Frankfurt a. M. 1982.

22 Vgl. Donna Haraway: Situated Knowledges: The Science Question inFeminism as a Site of Discourse on the Privilege of Partial Perspective.In: Feminist Studies 3( 14), 1988, S. 575-599.

23

Im Rahmen von Deutungswerkstätten, wie sie beispielsweise in derArbeitsgruppe Wiener Werkstatt Ethnographie stattfinden, wird ver-sucht, möglichen( verengten) Auslegungen empirischer Materialien durchkollektive Interpretationen zu begegnen. Ähnliches streben Gruppen an,die sich an ethnopsychoanalytischen Ansätzen orientieren, wobei hier derPerson der des Forschenden besonders große Bedeutung beigemessenwird. Vgl. hierzu: Jochen Bonz, Katharina Eisch- Angus, Marion Hamm,Almut Sülzle: Ethnografie und Deutung. Gruppenvision als Methodereflexiven Forschens. Wiesbaden 2017.