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ÖZV, LXXV/ 124, 2021, Heft 2
romantisierend als eine Art anthropologische Konstante-, verorteter das Indizienparadigma am Ende des 19. Jahrhunderts.
Rolf Lindner bezieht sich an mehreren Stellen auf Carlo Ginz-burg und plädiert in seinem Text Spür- Sinn: Oder: Die Rückgewinnungder Andacht zum Unbedeutenden für eine methodische Hinwendungzu den vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die sich, in Anlehnungan Ginzburg, als Indizien, als Spuren lesen lassen." Lindner veran-schaulicht das anhand von Fotografien. Auf einem Foto, das er einemBand des Schriftstellers Wilhelm Genazino entnimmt, sind es die Kis-sen im Rücken einer posierenden Frau, bei einem anderen, das denfrüheren deutschen Bundeskanzler Willy Brandt mit seinen beidenSöhnen im heimischen Flur zeigt, ist es das Schlüsselbrett neben derHaustür, das Lindner zufolge größere Rückschlüsse auf das sozialeMilieu der Abgebildeten erlaube als das sorgsam inszenierte Haupt-motiv.18„ Spuren werden nicht gemacht, sondern unabsichtlich hinter-lassen", beschreibt Krämer ein Hauptattribut von Spuren, das hier,in Lindners Methodik, das zentrale epistemische Moment darstellt.19Das unbeabsichtigt( Mit-) Fotografierte rückt in den Mittelpunkt derAnalyse und wird als verräterische Spur gedeutet. Aber wohin führtsie? Auf was lässt sie schließen? Verursacher der Spur ist das sozialeMilieu der Abgebildeten, das sich im Kissen bzw. im Schlüsselbrett
also letztlich in ihrem Geschmack- förmlich abdrückt. Lindnerlässt in seinen knapp gehaltenen Interpretationen keine Polysemienzu, auf was die Spur noch verweisen könnte, er macht sie zumindestnicht explizit. Die kulturelle bzw. soziale Tiefengrammatik, auf diedie Spuren Hinweis geben, erscheint somit indexikalisch, als Totali-tät. Spurenlesen, das macht Sybille Krämer deutlich, ist immer beob-achterabhängig. Spuren werden nicht vorgefunden, sondern( durchInterpretation) hervorgebracht. Es drängt sich somit die Frage auf:Was verrät diese Deutung der Spur eigentlich über den Spurenleser?Sagt die Interpretation am Ende mehr über den Forscher Lindner ausals über den von ihm ausgemachten Verursacher der Spur, das sozi-ale Milieu der Abgebildeten?„ Eine Spur zu lesen heißt, die gestörte
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Rolf Lindner: Spür- Sinn: Oder: Die Rückgewinnung der Andacht zumUnbedeutenden. In: Zeitschrift für Volkskunde 2( 107), 2011, S. 155–169.Ebd., S. 163 f.
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Krämer( wie Anm. 3), S. 16.