Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXII/ 111, Wien 2008, 165–170
neuerdings
Ein Ölbild aus Dänemark
Der volkskundliche Blick auf Bilder zielte in der Vergangenheit meist aufdie Interpretation von Sujets, Inhalten, Motiven, Bildaussagen. ErweitertenPerspektiven und der Spezifik einer volkskundlichen Bildforschung, demheutigen ,, Bilderalltag", wie er sich in unzähligen Facetten darstellt undanalysieren lässt, widmete sich eine große Münchner Tagung samt Publika-tion der Ergebnisse 2005.¹ Dieser breiten Palette von Bilderwelten und derWelt in Bildern ist man auch in volkskundlich- kulturwissenschaftlichenMuseen verpflichtet, deren überwiegender Objektanteil Träger von Bildin-formationen ist, ohne dass es sich dabei um Gemälde, Hinterglasbild,Druckgraphik oder Photographie handeln muss.
Wird einem Museum jedoch explizit ein Gemälde angeboten, so ist fürdie Aufnahme oder Ablehnung nicht zwingend die qualitative Beurteilungdes Bildes maßgeblich- wobei Qualität allerdings keinen Fehler darstellt-,sondern vielmehr die Verwendung, die Funktion des Bildes, seine Einbin-dung in Lebenszusammenhänge und Kommunikationsvorgänge oder, wieim vorliegenden Fall, die Geschichte zum Bildanlass.
Lars Christian- Larsen war von 1935 bis 1956 Direktor einer Tabakfabrikin Esbjerg im dänischen Westjütland. Er war selbst ein passionierter Raucherund betrachtete Rauchen als ein Menschenrecht. Den Bewohnern des naheEsbjerg gelegenen Flüchtlingslagers Tarp war dieses 1946 mangels Mittelnverwehrt. Eines Tages kam eine Deputation aus dem Lager zu Christian- Lar-sen und fragte, ob es ihm nicht möglich wäre, einige Rauchwaren kostenlosabzugeben. Der Direktor zeigte sich großzügig und schenkte der Abordnungeinige Kisten Zigarren. Ein paar Tage später überreichte man ihm selbst einGeschenk, ein Gemälde einer Alpenlandschaft mit See, auf primitivem Glossar ::: zum Glossareintrag primitivemSperrholz gemalt, mit einem aufgeklebten Etikett auf der Rückseite mit derAufschrift:„ Zur Erinnerung von den Österreichern im Tarp- Lager inFreundschaft und Dankbarkeit. Juni 1946".
Das Gemälde wurde gerahmt und im Wohnzimmer des Direktorenhausesaufgehängt. Nach dem Tod von Lars Christian- Larsen schenkte die Witwedas Bild dem Enkelsohn, Uggi Meistrup- Larsen, der das Bild von Kindheit
1 Gerndt, Helge, Michaela Haibl( Hg.): Der Bilderalltag. Perspektiven einer volks-kundlichen Bildwissenschaft.(= Münchner Beiträge zur Volkskunde, Band 33)München 2005.