Aufsatz in einer Zeitschrift 
Zwei Blicke auf einen Paradigmenwechsel : Bemerkungen aus Anlass des Symposiums über Eugenie Goldstern
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Mitteilungen

ÖZV LIX/ 108

hinzuweisen: In den Staaten, wo die Konstruktion der Nationalkultur mitden Kämpfen um politische Unabhängigkeit zusammenfiel, war die Konno-tation der Begriffe wie Volkskultur, ethnische Kultur oder Nationalkulturanders, als in den Staaten, die ihre eigene Kultur als eine führende,( zu)verbreitende Kultur eines wachsenden Reiches betrachteten.4

Bemerkenswert ist auch, dass die sich gerade herausbildende Volkskundein der europäischen Großmacht Österreich( zwar ohne auẞereuropäischeKolonien, aber in einer dominanten Stellung in Südosteuropa) des ausge-henden 19. Jahrhunderts noch keine Färbung einer völkischen Wissenschafterkennen ließ, wie es dann nach dem Zerfall der Monarchie geschah.Michael Haberlandt betrachtete bestimmte Gebiete der Monarchie- Alpen,Sudetenland, Balkan, Gebirgslandschaft der Karpaten³- als eine Schatz-kammer zum Erkennen der primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven Kultur, die sich mit fernliegendenGebieten( d.h. Kolonien) anderer Forschungen messen ließen.

Die Idee der kulturelle Wurzeln bergenden, Urtümlichkeit kann durchdie Auflösung von Raum- und Zeitdimensionen verstanden werden. Das, Urtümliche' bedeutet nicht das in der Zeit Frühere, sondern den in der Zeitendlosen, echten, ursprünglichen, Ur- Zustand. Das Dasein des, Urtümli-chen', die, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" wird im Raum durch die, Ferne erfaẞbar. Was im Raum fern liegt, liegt auch in der Zeit fern. Aberselbst die Ferne ist keine meßbare Dimension: weit entfernt, weit oben, weitin der Peripherie, jedenfalls weit entfernt von uns uns als Nullpunktverstanden. Und eben als Reziprozität dieser räumlichen und zeitlichenFerne können die Ausstellungen, Messen und Märkte betrachtet werden, wolebendige Vertreter oder materielle Objekte- eben Relikte- der, urtümli-chen Kultur zur Schau gestellt wurden: auf einem Platz, in erreichbarerNähe: die in Museen eingesperrte Ferne.

4 Vgl. Hofer, Tamás: Népi kultúra, populáris kultúra. Fogalomtörténeti megjegy-zések. In: Kisbán, Eszter( Szerk.): Parasztkultúra, populáris kultúra és a központiirányítás. Budapest 1994, S. 233–247. Tamás Hofer analysiert in diesem Aufsatzdie Bedeutung der Wörter( Volk, folk, nép und Volkskultur, popular culture,culture populaire, népi kultúra, bzw. Kultur und Zivilisation) in einigen europäi-schen Sprachen, und den Einfluß der verschiedenen Begriffsinhalte auf dieGrundzüge der einzelnen Ethnowissenschaften.

5 Siehe Haberlandt, Michael: Österreichische Volkskunst. Wien 1909-1911.6 Vgl. die Konferenzbeiträge von Konrad Köstlin und Bernhard Tschofen.

7 Eine Paraphrase von Ernst Bloch( Erbschaft dieser Zeit). Siehe Köstlin, Konrad:Relikte: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. In: Kieler Blätter zur Volks-kunde V( 1973), S. 135–151, bzw. Bausinger, Hermann: Párhuzamos különide-jűségek A néprajztól az empírikus kultúratudományokig. In: Ethnographia, 100( 1989), S. 24-37.