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Werner Bellwald
ÖZV LIX/ 108
Durchsehen damaliger Fachzeitschriften immer wieder feststellen, inder Volkskunde erstaunlich viel Platz, so national dieses Fach biswei-len auch ausgerichtet war.
Dies führten Rütimeyer in jenen Jahren, als er sich der Volkskundezuwandte, auch die damals bekannten Schweizer Kollegen vor; zweiBeispiele mögen hier genügen: Als Friedrich Gottlieb Stebler 1907 eineder frühen Arbeiten über Tesseln veröffentlicht, vermerkt er zu einemGegenstand aus dem bündnerischen Prättigau, solche Stücke stündenauch bei den Huzulen in Gebrauch.45 Und als Eduard Hoffmann- Krayereinem breiten Publikum seine„ Ausstellung für Volkskunst und Volks-kunde“ näher bringt, bemerkt er, dass der„ Einbaum vom Aegeriseedurch seine geradezu prähistorische Form Interesse erweckt".46
Auch in einer weiteren Hinsicht ist Rütimeyer nicht die Ausnahme,sondern eher die Regel: Nachdem vorangehende Schulen quasi dietempospatiale Volatilität wissenschaftlich legitimiert hatten, war einein verschiedenste Zweige aufgegliederte Reliktforschung entstanden,begonnen von Edward Burnett Tylor47 als einem frühen Vertreter, derden Begriff des survival prägte, bis hin zur volkskundlichen Enkla-venforschung des 20. Jahrhunderts und ihren weltanschaulichen Fehl-tritten; doch hier wanderte Rütimeyer auf sicherem Grund und botdem Nationalismus keinen Boden. So emotional Rütimeyer sich derKulturforschung hingab, so rational handhabte er sie; die Leitartefak-te beispielsweise verstand Rütimeyer als eine Art Kulturindikatorenund erklärte sie sogar mit einem Bild aus der Naturwissenschaft: ,, Essind also diese Leitartefakte geologisch gesprochen Leitfossilien ausSedimenten einzelner Kulturhorizonte, Kulturwellen oder ganzerKulturströme, die sich durch weite Länder oder ganze Kontinenteergossen haben und dabei diese Sedimente ablagerten." 48- Bilder, dieRütimeyer bereits aus dem Elternhaus kannte, zumal Vater Ludwig,der berühmte Paläonthologe, die Sedimente anhand von Leitfossilienstratigraphisch zugeordnet hatte.
45 Stebler, Friedrich Gottlieb: Die Hauszeichen und Tesslen der Schweiz. In:Schweizerisches Archiv für Volkskunde, XI/ 1907, S. 165-209, hier S. 193.
46 Hoffmann- Krayer, Eduard: Die Ausstellung für Volkskunst und Volkskunde. In:Die Schweiz. Illustrierte Halbmonatsschrift, XIV/ 1910, S. 360–362.
47 Tylor, Edward Burnett: Primitive Glossar ::: zum Glossareintrag Primitive Culture. London 1871( Deutsche Ausgabe: DieAnfänge der Cultur: Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie,Philosophie, Religion, Kunst und Sitte. Leipzig 1873).
48 Rütimeyer, Leopold: Sammlung für Volkskunde( wie Anm. 25), S. 14.