Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Warneken, Bernd Jürgen: Das primitivistische Erbe der Volkskunde

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das primitivistische Erbe der Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 
  

2005, Heft 2-3

Das primitivistische Erbe der Volkskunde

149

rig sind. Relativ unstrittig dürfte immerhin sein, dass die volkskund-liche Kulturwissenschaft ihre Facherfahrung mit kulturromantischenbis primitivistischen Sehnsüchten weiterhin zur Beschäftigung mitalltags- und popularkulturellen Ausdrucksformen des Unbehagens inder Moderne nutzen sollte. Dabei geht es nicht nur um traditionelleFormen von Moderneflucht, etwa um das deutsche Volk- Wald- Hei-mat- Syndrom, sondern gerade auch um deren modernisierte Varian-ten: um Primitivitäts Glossar ::: zum Glossareintrag  Primitivitäts- Anleihen auf dem esoterischen Lebensreform-Markt ebenso wie um unternehmenskulturelle Rekurse auf Stammes-rituale. Überdies mehren sich notgeborene Rückgriffe auf vormo-derne Lebensweisen: die Revitalisierung von Clans z.B., die Treue-schwüre auf einen Paten, die bei manchen langfristig aus demArbeitsmarkt ausgeschlossenen Gruppen zu beobachten sind. Viel-leicht", überlegt Thomas Hauschild am Beispiel der in amerikani-schen Mafiakreisen spielenden Fernsehserie ,, Die Sopranos, viel-leicht können die Kulturen, die den Kapitalismus nicht erfundenhaben, mit seinen Folgen viel besser leben als die white Anglo- Saxonprotestants, weil sie keine verinnerlichte Moral haben, aber dasKorrektiv durch die Großfamilie, eine expressive und mimetischeSeelenkultur besitzen und eine Verankerung in den Lehren und Bil-dern der ältesten Organisation der Welt, der katholischen Kirche." 34Die Erfahrungen mit sei's harmlos- verqueren, sei's völkisch- ag-gressiven Talmi- Primitivismen haben die volkskundliche Kulturwis-senschaft zu einem primär kritischen Umgang mit kulturellen Re- vo-lutionsversuchen erzogen. Doch diese Haltung sollte nicht ins Lagerder Fortschrittsgläubigen führen, die- wie Claude Lévi- Strauss essagte ,, Gefahr laufen, die ungeheuren Reichtümer zu übersehen,welche die Menschheit links und rechts jener engen Rille angehäufthat, auf die allein sie ihre Blicke heften." 35 Die Rede von den ,, Reich-tümern" der Vergangenheit passt dabei nicht zu einer komplexi-tätsflüchtigen Haltung, der es um die Wiedergewinnung einer imagi-nierten vormodernen Einfalt geht, sondern viel eher zu einem Ver-gangenheitsinteresse, dem es um die Vermehrung heutiger Denk- undHandlungsmöglichkeiten zu tun ist. Wenn sich z.B. der Volks- undVölkerkundler Dieter Kramer, der sich immer wieder dem, Angriffder Gegenwart auf die übrige Zeit verweigert hat, für die kulturellen

34 Hauschild, Thomas: Lernt von den Sopranos. Wie man eine Serie als ethnologi-sche Studie zukünftiger Verhältnisse begreifen kann." In: Die Zeit, 16. Juni 2000.35 Lévi- Strauss, Claude: Traurige Tropen. Köln 1970, S. 363.