Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Warneken, Bernd Jürgen: Das primitivistische Erbe der Volkskunde

  
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Das primitivistische Erbe der Volkskunde
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2005, Heft 2-3

Das primitivistische Erbe der Volkskunde

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sie einer ungebremst triebhaften Primitivkultur Glossar ::: zum Glossareintrag  Primitivkultur außereuropäischer,, Naturvölker Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvölker die eines keuschen Germanentums hinzufügte.

So marginal die Erforschung popularer Sexualkultur in der dama-ligen deutschsprachigen Volkskunde blieb: Immerhin einer ihrer Ver-treter, der Wiener Friedrich Salomo Krauss, stellte sie jahrzehntelangin den Mittelpunkt seiner Arbeit. Der Denkansatz war auch bei Kraussprimitivistisch: Die Sexualkultur unterer Schichten galt ihm wie dieunzivilisierter Völker als Fenster zu älteren Evolutionsstadien. Dabeistellt Krauss- wie die Freudsche Schule, der er sich eng verbundenfühlt den Geschlechtstrieb vom Rand ins Zentrum der Sozial- undKulturgeschichte, indem er ihn als, allerkräftigsten Trieb" bezeich-net, der ,, von der Menschwerdung der Primaten an bis auf die Gegen-wart hinein auf die Geschicke der einzelnen und der Völker entschei-dend einwirkt.(...)( D) ie bedeutsamsten Mythen der Völker, Religio-nen und Kulte( stehen) in innigster Beziehung zur Zeugung.18 KeinWunder, dass sich Freud und andere Psychoanalytiker sehr fürKrauss' Projekt einer ethnologischen Sexualforschung interessierten.Wilhelm Stekel, der Herausgeber des, Zentralblatts für Psychoana-lyse", empfiehlt das Studium der Anthropophyteia ,, wärmstens undruft aus: ,, Möge das Zusammenarbeiten von Analytikern und Folklo-risten dazu beitragen, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen!" 19 Freudselbst nennt in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psycho-analyse" Krauss' Anthropophyteia ein ,, unersetzliche( s) Quellenwerkfür alles, was das Geschlechtsleben der Völker betrifft. 20 AuchKoryphäen der zeitgenössischen Völkerkunde wie Franz Boas oderKarl von den Steinen unterstützten das Unternehmen, und führendeVolkskundler wie Adolf Strack und Georg Polívka schrieben positiveRezensionen. Die ,, Anthropophyteia war also keineswegs das indi-viduelle Steckenpferd eines Erotomanen, als welche sie später oftbelächelt wurde. Allerdings waren die lebhaften Interessebekundun-gen von Volkskundlern für Krauss' Arbeitsfeld meist recht platoni-scher Natur. Keiner der bekannteren deutschen, Österreichischen undschweizerischen Fachvertreter gehört zu den 146 Autoren, die in der

18 Krauss, Friedrich S.: Vorwort. In: Anthropophyteia, Bd. I, 1904, S. VII- XXI; hierS. VIII.

19 Stekel, Wilhelm: Rezension der ,, Anthropophyteia, Bd. VIII. In: Zentralblatt fürPsychoanalyse, Bd. II, 1912, S. 282f.; hier S. 283.

20 Freud, Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. In: Ders.:Gesammelte Werke, Bd. XI, London 1947, S. 164.