Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Warneken, Bernd Jürgen: Das primitivistische Erbe der Volkskunde

  
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Das primitivistische Erbe der Volkskunde
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2005, Heft 2-3

Das primitivistische Erbe der Volkskunde

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belegt hat, ist Affektkontrolle keineswegs nur das Ergebnis einerbürgerlich- europäischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte.

Es wäre jedoch nur die halbe Wahrheit, wollte man den damaligenKulturevolutionismus als eine Theorie der falschen Gegenüberstel-lungen betrachten. Seine Konzeption des Verhältnisses von primi-tiv Glossar ::: zum Glossareintrag tiv" und ,, zivilisiert sowie von primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven und zivilisierten Gruppenist janusköpfig. Die Idee einer unilinearen Evolution ist trennend,insofern sie einzelnen Kulturformen und ganzen Gruppenkulturenvordere oder hintere Plätze auf einer Entwicklungslinie zuweist. Sieist verbindend, insofern sie alle auf ein und derselben Linie ansiedelt,was immerhin bedeutet, dass das ,, Unzivilisierte nicht mehr als dasschlechthin Andere oder als pathologische Verirrung angesehen wird,sondern als Vor- oder Elementarform der eigenen Gegenwartskultur.So schreibt z.B. der Germanist und Volkskundler Eugen Mogk 1907:,, In jedem Menschen lebt gleichsam ein Doppelmensch: ein Natur-mensch und ein Kulturmensch: dieser zeigt sich durch seine reflek-tierende und logische Denkweise, jener durch seine assoziative. ³Kaum überhörbar ist hier die Parallele zu einer anderen neuen Wis-senschaft dieser Zeit: der Psychoanalyse. Bei Sigmund Freud heißtes: ,, Im Traume und in der Neurose finden wir das Kind wieder mitden Eigentümlichkeiten seiner Denkweisen und seines Affektlebens.Wir werden ergänzen: auch den wilden, den primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven Menschen,wie er sich uns im Lichte der Altertumswissenschaft und der Völker-forschung zeigt. Freilich wird man nicht behaupten können, dassder Mainstream der deutschsprachigen Volkskunde sich für dieAffinitäten zur Psychologie und vor allem zur Psychoanalyse beson-ders interessiert hätte( wogegen z.B. Freud neben der völkerkundli-chen auch die volkskundliche Arbeit aufmerksam beobachtete); dochzweifellos leistete auch die frühe Volkskunde einen Beitrag zurDesillusionierung des bürgerlichen Ich, das sich als Herr im Hausgefühlt hatte.

Das primitivistische Paradigma der Volkskunde implizierte abernicht nur, dass der bewusste vom unbewussten, der rationale vomirrationalen Anteil des Individuums Kenntnis nehmen sollte. Es lenk-3 Mogk, Eugen: Wesen und Aufgaben der Volkskunde. In: Mitteilungen desVerbandes deutscher Vereine für Volkskunde, Nr. 6, November 1907, S. 1-9; hierS. 4.

4 Freud, Sigmund: Nachtrag zu: Psychoanalytische Bemerkungen über einenautobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia( Dementia paranoides). In:Ders. Gesammelte Werke, Bd. VIII, London 1943, S. 317-320; hier S. 320.