Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ur-Ethnographie und Moderne
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Konrad Köstlin

ÖZV LIX/ 108

der ,, einfachen Farbigkeit der Votivtafeln im Münchner Umlandangeregt gab?

So verhält es sich bei Eugenie Goldstern, die ihren Anspruch ,, tieferansetzt, das sei vorweg schon einmal gesagt- nicht. Wir können unsfragen, ob wir uns reinfallen ließen in die Ästhetik des Urtümlichendurch das süffige Wort Ur- Ethnographie, denn Eugenie Goldsternschreibt ausdrücklich nur eine zudem recht knappe ,, Volkskundlich- mo-nographische Studie über eine savoyische Hochgebirgsgemeinde. Dagibt es die Stallwohnung in Bessans: Menschen und Tiere in einemRaum. Die Fotos sind nicht urtümlich, sondern eher malerisch. Die TafelXI zeigt ,, Spinnräder und vogelförmige Salzbehälter aus Holz, Bessans,Tirol, Grossrussland. Diese vogelförmigen Salzbehälter sind es auch, diesie als erste im Kapitel, Volkskunst nennt und als neuere(!) Holz-schnitzerei, deren Traditionen jedoch weit zurückreichen bezeichnet. 20Dabei bleibt die formale Ähnlichkeit der Objekte bei Goldstern klugunberedet. Sie wird festgestellt, will faktisch sein. Die Vermutung einerwomöglich ubiquitären Ur- Ethnographie" fehlt. Sie hat einfach be-schrieben, sparsam kommentiert, eben ethnographiert und somit eherEthnographie als Ethnologie betrieben, welche sie der herrischen Män-nerwelt einer Disziplin überließ, die schon ins Nationale abgedriftet war,während Eugenie Goldstern ihre Aufnahmen auf dem Vergleich deranthropologischen Parallelen gründet. Immerhin hatte ihr Vorbild Mi-chael Haberlandt, dem sie ihre Arbeit widmet, ins Grundsätzliche ge-hend, noch oder schon 1916 in der gesamten Monarchie nur zweistaatsfähige Völker gesehen, die Ungarn und die Deutschen.21

Ist Urethnographie als Beschreibung und Kategorisierung derSammlung von Eugenie Goldstern, die sie Anfang des 20. Jahrhun-derts zusammengetragen hatte und die nun im Besitz des Österreichi-schen Museums für Volkskunde ist, der richtige Rahmen? Ist einsolcher Kontext wirklich eine neue vergleichende Ethnographie imVolkskundemuseum, der alle Kulturen ohne hierarchisches Denkenals prinzipiell gleichwertig nebeneinander stellt, um zu vergleichen?Nirgends finde ich bei Goldstern einen Hinweis auf diesen Gedankendes ,, Ur" im Gegenteil:, In der Kirche wird eine kleine, primitiv Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiv

20 Goldstern( wie Anm. 12), S. 61.

21 Haberlandt, Michael: Österreichische Volkskunde. In: Schneider, Siegmund,Benno Immendörfer( Hg.): Mein Österreich, mein Heimatland. Illustrierte Volks-und Vaterlandskunde des Österreichischen Kaiserstaates, Band I. Wien 1915,S. 122.