Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ur-Ethnographie und Moderne
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Konrad Köstlin

ÖZV LIX/ 108

bohrten Steine als Netzsenker oder die lange schon verbotene Fisch-gabel, die, in der ganzen fischenden Welt belegt, dem primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitivenFischfang zugeordnet ist. Und es ist vor allem die Verwendung vonTierknochen bei den Tesseln oder als Schlittenkufen; sie scheinenauszureichen, um Archaik auszuweisen. Eugenie Goldstern ist daschon klüger und zurückhaltender, sie sieht, weil sie nicht die Ur-ethnographin ist, klarer: Die Schlitten in Bessans ,, besitzen jedochstatt Knochenkufen bereits mit Eisen beschlagene Kufen aus Holz❝12,dennoch bleibt an ihnen der Name ,, Beinkufen haften. 13

Die Tesseln sind für Rütimeyer ein, ehrwürdiges Stück schweize-rischer Ur- Ethnographie" 14, die es auch schon im Magdalénien gabund bei den Tschuwaschen 15 gibt- beide sind in diesem Sinne gleichweit entfernt. Die europäischen Botenstäbe sind auch in Westaustra-lien nachweisbar", was ihnen räumliche und zeitliche Ubiquität alseine Art Urmuster der Kultur verleiht. Und diese Archaik- Rüti-meyer spricht dabei immer von ,, Archaistik" wie von einer Wissen-schaft macht aus den Gegenständen Kultobjekte. Zu Beginn des20. Jahrhunderts gesammeltes Spielzeug für Kinder, etwa Kühe undOchsen, die manchmal in ihren einfachen Formen an geschmiedeteLeonhardsvotive( für die ähnliche Merkmale geltend gemacht wur-den) erinnern, sind heute ästhetisch berührend; beispielsweise derSalzbehälter in Form einer Henne.

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Wie am Verhältnis Rütimeyer- Goldstern zu sehen ist, entsteht dieFaszination an der Urethnographie im 20. Jahrhundert. Die Objekteerinnern an das Kunstgewerbe und an hölzernes Reformspielzeug,das bis heute in seiner Einfachheit Anleihen bei den ,, Urformen", den,, einfachen Formen" nimmt. Für Rütimeyer handelt es sich um ,, äus-serlich sehr bescheiden aussehende und vielfache Gebräuche, dieseine Bewohner, ganz besonders die weniger den Wirbeln und Strö-

11 Rütimeyer, Leopold: Ur- Ethnographie der Schweiz. Ihre Relikte bis zur Gegen-wart mit prähistorischen und ethnographischen Parallelen. Basel 1924(= Schrif-ten der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Band XVI), S. 173.12 Goldstern, Eugenie: Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden. Wien 1922,S. 108.

13 Hier wäre an den Zusammenhang von, Wörter und Sachen" und an das GerichtEisbein zu erinnern, das seinen Namen dem Röhrenknochen verdankt, der alsGleitkufe diente und diese Kufengeschichte in sich trägt.

14 Rütimeyer( wie Anm. 11), Anm. 37; dort besonders der Hinweis auf Pfahlbauten!15 Rütimeyer( wie Anm. 11), S. 36.

16 Rütimeyer( wie Anm. 11), S. 15ff.