Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LVIII/ 107

Selbstwertgefühl vieler Menschen im östlichen Europa, ihre Angst vorVereinnahmung durch den Westen und vor dem Verlust ihrer Identität alsMaßstab, so scheinen die mentalen Grenzen noch hoch zu sein, scheinen dieMenschen des östlichen Europa noch nicht wirklich dazuzugehören. Diegeistige und die emotionale Integration des östlichen Europa steht erst amAnfang, und es sind auf beiden Seiten noch viele Vorbehalte auszuräumen.Das ist zum einen der Politik der Europäischen Union geschuldet. DieÜberwindung der Differenzen in den 31 Kapiteln des acquis communautairelässt, wie ein EU- Beamter einmal sagte, den Brüsseler Bürokraten keinenAtem mehr für die kulturellen und mentalen Aspekte der Integration; sielässt keine Kraft mehr für die Überwindung jener geistigen Spaltung, dieEuropa für Jahrzehnte in zwei Blöcke teilte. Der Eiserne Vorhang hat ja nichtnur zwei unterschiedliche Lebenswelten entstehen lassen, er hat auch beiden Menschen trennende ,, Bilder in den Köpfen erzeugt, Bilder von ,, Ost"und ,, West", die sich als sehr mächtig erweisen. Das östliche Mitteleuropawurde dabei in das alte westliche Bild vom ,, bedrohlichen Osten" integriert,ein Vorurteil, das durch die nach der Wende grassierende Kriminalität undKorruption bestätigt zu werden schien. Es ist dies ein Zerrbild des ,, Ostens",das von Schriftstellern wie Péter Eszterházy, Andrzej Stasiuk und anderenkritisiert, beklagt oder ironisch überzeichnet worden ist. Ihm steht wiederumein östliches Bild des ,, Westens" gegenüber, das zwischen Heilserwartungund angstvoller Ablehnung, zwischen Imitation und Aversion oszilliert, dassogar manche Gesellschaften( wie etwa die ungarische) in antagonistischeLager spaltet.

Vor dem Hintergrund der Erfahrung, die Deutschland mit bald 15 JahrenWiedervereinigung gemacht hat, erscheint es mir wichtig zu betonen, dassauch die EU- Osterweiterung mehr ist als ein politischer, ökonomischer undrechtlicher Vorgang. Sie ist vielmehr für alle betroffenen Länder auch einkultureller und mentaler Prozess, ein Prozess der Annäherung und dergegenseitigen Veränderung, der an die Gesellschaften wie auch an dieeinzelnen Menschen neue Anforderungen stellt. Es ist ein Prozess, der jenem4 Pleşu, S. Andrei: Die verlorenen Söhne und ihre Sünden. Warum die LänderOsteuropas fürchten, ihre Originalität zu verlieren. In: Süddeutsche Zeitung vom5.6.1997.

5 Ther, S. Philipp: Niemand will im Osten sein. Barbarisch Glossar ::: zum Glossareintrag  Barbarisch, rückständig unddespotisch: Die Erfindung Osteuropas von der Aufklärung bis heute. In: Süd-deutsche Zeitung vom 2.12.2000.

6 Eszterházy, Péter: Wir Störenfriede. Wie groß ist der europäische Zwerg? In:Süddeutsche Zeitung vom 11.6.2003.

7 Stasiuk, Andrzej: Wild, listig, exotisch Glossar ::: zum Glossareintrag  exotisch. Der Osten wird Europa total umkrem-peln. In: Süddeutsche Zeitung vom 20.6.2003; Kadarë, Ismail: Die Ungeheuerdes Balkans. In: Süddeutsche Zeitung vom 15.4.1999.