Aufsatz in einer Zeitschrift 
Reden und Essen : kommunikationsethnographische Ansätze zur Ethnologie der Mahlzeit
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Regina Bendix

ÖZV LVIII/ 107

rakteristisch für Mahlzeiten. Selbst der alleine essende Mensch stelltsich das Radio an, um wenigsten die sprachliche Gesellschaft Unbe-kannter als Kulisse zu genießen, und wieviele berufstätige Menschenessen heute ihren Mittagsimbiss auf einer Parkbank und schwatzendabei fröhlich mit Freunden und Bekannten durch das neue Lieblings-spielzeug der Kommunikation, das mobile Telephon, und kauen undschlucken dazu ganz hemmungslos weil ungesehen.

Essen und Reden geschehen im Verbund. Ihr Miteinander ist jedochnicht nur eitel Freude:

Sie wollen, dass ich über Nahrung und Essen rede. Ich möchte das liebernicht. Ich versuche zu vermeiden, darüber nachzudenken. Als ich auf-wuchs, war das Essen furchtbar, es birgt schreckliche ErinnerungenStreit, Argumente am Tisch und sonntags, ich könnte Ihnen nichts überdie Sonntage sagen. Auch heute noch fürchte ich Abendessen, wissen Sie,Parties.'

So äußerte sich eine Probandin im Projekt einer britischen Soziologinzur Rolle von Essen zu Hause und in der Schule. Obwohl sie zurNahrung befragt wurde, gilt ihre schreckliche Erinnerung nicht demGustatorischen, sondern dem sozialen Ereignis Mahlzeit, das seinGepräge durch die Kombination von Reden und Essen erhält. Wer hatnicht auch gemischte Erinnerungen an Mahlzeiten am Familientisch?Wie Alois Wierlacher anhand literarischer Texte aufzeigte, ist dieRealität gemeinsamen Essens ganz im Gegensatz zu Norbert Elias'Thesen zum historischen Prozess der Zivilisation, u.a. anhand derTischsitten², nicht etwa zivilisiert sondern eher kriegerisch:, BeiTisch, besonders am Familientisch, herrscht meistens Krieg undBarbarei Glossar ::: zum Glossareintrag Barbarei; der Fremdzwang der Verhaltensregeln hat sich keineswegszum Selbstzwang gewandelt; der Firniß der Kultur, hier verstandenals Disziplinierung der Aggressivität, ist außerordentlich dünn geblie-

1 Ann Ballard, Lehrerin und Mutter, in einem Interview 1994. Quelle: Morrison,Marlene: Sharing Food at Home and School: Perspectives on Commensality. In:The Sociological Review 1996, S. 648–674, hier S. 648-649; übersetzt von R.Bendix.

2 Tolksdorf, der Elias' historisches Modell für das 20. Jahrhundert relativiert, weistauf eine ,, Informalisierung" nach den beiden Weltkriegen hin sowie eine gewisseAuflösung der Verbindlichkeit eines gültigen Mahlzeitensystems zu Gunsten,, eine( r) Vielzahl von Mahlzeitensystemen von verschiedenen Gruppen in ver-schiedenen sozialen Situationen. Tolksdorf, Ulrich: Nahrungsforschung. In:Brednich, R. W.( Hg.): Grundzüge der Volkskunde. 3. überarbeitete Ausgabe.Berlin 2001, S. 250.