2001, Heft 4
435
provozierend. Auf die unpassende Einstellung der Musiker weisendie Opernsängerin, die das Stabat Mater³¹ im Schmuck eines Feder-hutes singt, und der Bassist, der zur Weinflasche greift, hin.
Richter fordert, ausgehend vom Ideal des ,, einfachen Gottesdien-stes der christlichen Gemeinde“, mit seiner satirischen DarstellungPfarrer, Gemeinde und Musiker dazu auf, solche musikalischen Bräu-che, die vom Sinn des Gottesdienstes ablenken, zu korrigieren. Ermacht sich damit zum Sprecher einer in der Aufklärung verbreitetenKritik an den Orchestergottesdiensten, die mit der Forderung einergrößeren Sammlung und besseren Beteiligung der Gemeinde durchdas muttersprachliche Kirchenlied verbunden war³ und die Instru-mentalmusik bei der Meßfeier ablehnte, weil sie die Teilnahme desVolkes behindern würde.33
,, Ueber die Ohrenbeicht"
Richter gibt sein Anliegen in der Inhaltsangabe des 7. Kapitels an:,, Ueber die Ohrenbeicht. Wird von der Kirche entschieden. DieBeichtväter werden als Seelenärzte betrachtet, und dann untersuchet,ob ihre Anzahl für die ungeheure Menge Patienten hinreiche, nebstBeweisen, daß viele aus ihnen die nothwendigen Eigenschaften soeines Seelenarztes nicht besitzen, woraus die Nothwendigkeit flies-set, sie durch bessern Unterricht in Priesterhäusern zu diesem schwe-ren Amte geschickter zu machen." 34
31 Das Stabat mater dolorosa ist ein Leselied zur Betrachtung des Leidens Mariasunter dem Kreuz, bekannt als deutsches Lied: Christi Mutter stand mit Schmer-
zen.
32 Maria Theresia hatte bereits 1754 Pauken und Trompeten im Gottesdienst ver-boten. Zu den von ihrem Sohn Joseph II. angeordneten Einschränkungen in derKirchenmusik vgl. Hollerweger( wie Anm. 9), S. 61 und S. 477–481. Zur Ent-stehung der diözesanen Gesangbücher in der katholischen Spätaufklärung vgl.Kohlschein, Franz, Kurt Küppers( Hg.):„ Der große Sänger David- euer Mu-ster". Studien zu den ersten diözesanen Gesang- und Gebetbüchern der katholi-schen Aufklärung. Münster 1993(= LQF 73).
33 Diese Position vertritt der Pastoraltheologe der Universität Olmütz Josef Lauber( 1744-1810). Vgl. Lauber Josef: Institutiones Theologiae pastorales compendio-sae. 3 Bände. Wien 21782/85. Deutsche Ausgabe: Praktische Anleitung zumSeelsorgeramte oder Pastoraltheologie für wirkliche und künftige Seelsorger. 3Bände. Brünn 1790. Hier: Institutiones 2, S. 277 und S. 312.
34 Misbräuche( wie Anm. 4), S. 4 f.