Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde104 (2001) / N.S. 55Grieshofer, Franz: Der Muttertag als volkskundliches Forschungsfeld

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Der Muttertag als volkskundliches Forschungsfeld
Einzelbild herunterladen
 

2001, Heft 2

Mitteilungen

169

,, Unter Berücksichtigung von Frauenbild und gesellschaftlichen Rah-menbedingungen untersucht Beate Grein 20 den Muttertag im Spiegel aus-gewählter steirischer Tageszeitungen. Auch sie betrachtet den Muttertag vordem Hintergrund der jeweils vorherrschenden politischen, ökonomischenund ideologischen Verhältnisse, um darin das jeweilige Rollenbild derMutter zu ergründen. Erst die Berücksichtigung gesellschaftspolitischerFaktoren vermag den jeweiligen Stellenwert aufzuzeigen, der dem Brauchim Verlauf der Zeit zukommt. Grein verweist auch auf Max Matter², der mitden Begriffen ,, Deutscher Muttertag- Tag der Deutschen Mutter- Mutter-tag" den Wandel des Muttertagsbrauches im Spannungsfeld von, Emotio-nalisierung und Entpolitisierung beschreibt, in dem er die gesellschaftspo-litischen Verhältnisse einerseits und die Propagierung und die Feier desMuttertages andererseits in Relation setzt. Oder wie es Beate Grein aus-drückt: ,, Was zuvor pathetische Überhöhung war, hat in den ausgehendenJahrzehnten begonnen, menschlichere' Formen anzunehmen" 22

Es gilt festzuhalten, daß sich der Sinngehalt und der Stellenwert desMuttertages im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat, daß der Muttertag abernach wie vor einen Fixpunkt im bürgerlichen Kalender bildet. Seine Nicht-beachtung würde einer groben Mißachtung gleichkommen und von denAdressatinnen als Kränkung empfunden werden. Der Muttertag hat ver-pflichtenden Charakter, er entspricht gewissermaßen einem sozialen Gebot.Grundgelegt wird diese Verpflichtung durch die Norm innerhalb des jewei-ligen, von der Sitte( Sittlichkeit) bestimmten Werte- und Normensystems. 23Das Verhalten richtet sich nach dem Grad der von der Norm geforderten

20 Grein, Beate: Der Muttertag im Spiegel ausgewählter steirischer Tageszeitungenunter Berücksichtigung von Frauenbild und gesellschaftlichen Rahmenbedin-gungen. Diplomarbeit, Graz 1993.

21 Matter, Max: Emotionalisierung durch Entpolitisierung. Deutscher MuttertagTag der Deutschen Mutter- Muttertag. Unveröffentlichtes Manuskript, o.J.22 Grein( wie Anm. 20), S. 148.

23 Aus der umfangreichen Literatur zur Brauchforschung seien hier angeführt:Dünninger, Josef: Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum. In: Stammler, Wolfgang( Hg.): Deutsche Philolo-gie im Aufriẞ. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin 1967, S. 2571-2640; Brückner, Wolfgang:Art. Sitte und Brauch. In: Staatslexikon, Bd. 4. Freiburg- Basel- Wien 1988,S. 1179-1181; Scharfe, Martin( Hg.): Brauchforschung. Darmstadt 1991, beson-ders seine Einleitung S. 1-26; Bimmer, Andreas C.: Brauchforschung. In: Bred-nich, Rolf W.( Hg.): Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungs-felder der Europäischen Ethnologie. Berlin 1988, S. 311-328; Bringéus, Nils-Arvid: Der Mensch als Kulturwesen. Würzburg 1990, bes. die Abschnitte überKulturelle Prozesse und Kulturelles Verhalten; Weber- Kellermann, Ingeborg:Saure Wochen, Frohe Feste. Fest und Alltag in der Sprache der Bräuche. Mün-chen/ Luzern 1985.