Bauernhausforschung
und Gegenwartsvolkskunde
Von Leopold Schmidt
Vor mehr als vierzig Jahren, nämlich im Jahr 1933, veröffentlichteArthur Haberlandt„ Eine Betrachtung ländlichen Wohnens und Sie-delns" in der damaligen Architektenzeitschrift ,, Profil" unter demObertitel ,, Das verlorene Paradies” 1). Es war eine knappe, mit vor-züglichen Zeichnungen ausgestattete Übersicht über die Formen desbäuerlichen Hauses in Österreich, wie sie Haberlandt in Jahren eige-ner Forschung erstellt hatte, immer im Bewußtsein, etwa vier Jahr-zehnte der österreichischen Bauernhausforschung unmittelbar miterlebtzu haben 2). Es war eine sachliche Forschung gewesen, an der mannoch im nachhinein oft das Glückgefühl nachempfinden kann, ein wah-res Neuland der Forschung entdeckt zu haben.
Der Großteil der beteiligten Forscher hatte sich die Hausland-schaften Österreichs und seines Umlandes erwandert, mitunter die Um-gebung der jeweiligen Sommerfrischenorte genauer erkundet. Diewenigsten dieser Forscher hatten jemals in einem solchen Haus ge-wohnt. Zudem handelte es sich durchwegs um Männer, die wohl fürdie Konstruktion der Häuser viel Verständnis aufbrachten, kaum aberfür deren Nutzung, wie sie etwa die Frauen besitzen mußten, welche indiesen Häusern wohnten, kochten, die Kinder großziehen mußten,immer mit einem Blick zum Vieh hinüber und einem zweiten womög-lich auf die Felder, die Wiesen hinaus, wo der Mann und die Bubenarbeiteten. In manchen Gegenden, beispielsweise im mittleren Ober-österreich, aber auch in den Flachgauhöfen von Salzburg, mag dieszwar schwer, aber doch zu bewältigen gewesen sein. In anderenGegenden hätte man sich wohl gewundert, daß man dieses Wohnen insolchen Häusern als„ Paradies" bezeichnete. Die Leute in den Streck-Vortrag, gehalten am 26. September 1975, bei der 15. Tagung der Arbeitsgemein-schaft für Volkskunde von Niederösterreich in Mistelbach.
1) Arthur Haberlandt, Das verlorene Paradies. Eine Betrachtungländlichen Wohnens und Siedelns( Profil, Bd. I, Wien 1933, Nr. 1, S. 3-8).
2) Arthur Haberlandt, 60 Jahre vergleichende Bauernhausforschungim Rahmen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien( Mitteilungen derAnthropologischen Gesellschaft, Wien, Bd. LXXXII, 1952, S. 22—32).
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