Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Seite
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Votivbildstudien

1. Votivbild aus dem ehem. Benediktinerinnenstift Sonnenburg( Südtirol), 1679.- 2. Votivbild aus der Schatzkammerkapelledes Minoritenklosters in Graz, 1755.

( Mit 4 Abbildungen)

Von Klaus Beitl

Votivbilder als Werke der religiösen Volkskunst und Zeugnissevolksfrommen Brauches sind seit mehr als fünfzig Jahren Gegenstandumsichtiger volkskundlicher Sammlung und Forschung. Eine großeZahl von Einzelstudien, topographischen Erhebungen und umfassen-den Darstellungen und Untersuchungen bezeichnen den Weg der wis-senschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser volkskulturellen Er-scheinung, deren mehrfache Aussagekraft für eine wesentlich historischeingestellte Volkskunde wohl längst schon erkannt, bei weitem abernoch nicht voll ausgeschöpft worden ist ¹). Die Wurzeln dieses Phäno-mens konnten freigelegt, sein Wachstum, Blühen und Vergehen nach-gezeichnet werden. Dennoch sind die Fragen des tatsächlichen Ur-sprungs und der kulturräumlichen Entfaltung des Votivbildbrauchesnoch immer nicht voll geklärt.

Früheste Belege noch aus der Zeit vor 1400 und aus dem 15. Jahr-hundert verweisen auf die spanische und italienische Romania als Ur-sprungsgebiet. Mit der europäischen Zeitenwende um 1500 dringt daswallfahrtsgebundene Votivbild über die Alpen auf den Boden des deut-schen Kaisertums vor 2). Seine Verbreitung während der Blütezeitetwa von 1650 bis 1850 deckt ungefähr jene Räume aus, die auf denGeschichtskarten von der europäischen Glaubensspaltung im 16. und17. Jahrhundert mit gelbem Flächenkolorit als katholische Territoriengekennzeichnet sind, im Gegensatz zum Violett der protestantisch ge-

1) Vgl. die jüngsten Darstellungen mit umfangreichen Literaturhinweisen:Lenz Kriss- Rettenbeck, Ex Voto. Zeichen, Bild und Abbild im christ-lichen Votivbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Votivbrauchtum. Zürich- Freiburg i. Br. 1972; Klaus Beitl, Votiv-bilder. Zeugnisse einer alten Volkskunst. Salzburg 1973.

2) Leopold Schmidt, Das deutsche Votivbild. Erscheinung und Ge-schichte eines Volkskunstwerkes. In: Volkskunde als Geisteswissenschaft. Gesam-melte Abhandlungen zur geistigen Volkskunde(= Handbuch der Geisteswissen-schaft, Bd. 2). Wien 1948, S. 103126.

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