sei. Als frühesten Beleg führt er eine August 1669 geschriebene Stellein der Reisebeschreibung des Franzosen Patin an. Sehr viel später, alsim Barockzeitalter die in Wien niemals recht heimisch gewordenenRenaissanceformen bereits als fremdartig empfunden wurden, habeman auch die Formgestalt aus der Nachahmung des sultanischenPrunkzeltes erklären wollen. Erstmals erscheine dieser Gedanke 1708in Gottlieb Eustarchius Rincks Geschichte Kaiser Leopolds I. 11).
Er verwies sodann darauf, daß es für diese Vorstellung eineAnalogie aus der Antike gibt. Pausanias berichtet in seiner Beschrei-bung Griechenlands die Fabel, das Odeion in Athen sei nach demVorbild des Zeltes des Perserkönigs Xerxes gestaltet worden 12). DieÄhnlichkeit der historischen Situation ließ ihm ihre Übernahme alsnaheliegend erscheinen:„ Dort Athen, das Haupt von Hellas; hierWien, der Hort der Christenheit. Beide werden von einem mächtigenBarbarenheer Glossar ::: zum Glossareintrag Barbarenheer des Ostens belagert und Beide befreit Bürgertapferkeitvon dem furchtbaren Schicksale, in asiatischer Despotie unterzugehen.Athen und Wien retteten durch ihren Heldenmuth Europa und seineCivilisation vor orientalischer Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischer Unterdrückung" 13).
Es ist Ilgs bleibendes Verdienst, die Deutung der Neugebäude-Sage erstmals von den unfruchtbaren rein lokalen Erklärungen gelöst zuhaben. Der Forschungsstand seiner Zeit erlaubte ihm nicht, den sichzeigenden Weg weiterzuverfolgen. Wir hingegen vermögen heute zu er-kennen, daß diese Erzählung den uralten und weltweit verbreiteten Vor-stellungen von der Gestaltheiligkeit der göttlichen und menschlichenWohnstätte zuzuordnen ist 14). Doch kann Ilg der Vorwurf nicht erspartwerden, daß er zwei wesentliche Quellenstellen, die seine Beweis-führung aus den Angeln gehoben hätten, einfach im Sinne seiner ihmevident erscheinenden Schlußfolgerung manipuliert hat 15).
Ilgs so bestechend wirkende Deutung hat zur Voraussetzung, daßdie Vollform der Sage erst nach 1683 entstanden ist. Aus demTriumphgefühl des„ Heldenzeitalters" der Monarchia Austriaca, die1699 im Siegfrieden von Karlowitz die Türkengefahr endgültig gebanntund sich als Großmacht konstituiert hatte.
Dies ist jedoch nicht der Fall. Seither durch die orientalistischeForschung bekanntgewordene, aber auch schon von Ilg herangezogene
11) Il g, 106 ff.
12) I1 g, 115. Ernst Mayer, Pausanias Beschreibung Griechenlands, Zürich1954, 52, 558 f.
13) Il g, 115.
14) Leopold Schmidt, Häuser auf heiligem Grundriß, in: Schmidt, Volks-glaube und Volksbrauch. Gestalten, Gebilde, Gebärden, Berlin 1966, 74-88.Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane, Hamburg 1957, 13-39.
15) Vgl. die Anm. 26 und 53.
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