Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
395
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Aus dem weiten Bereich des Volksglaubens, der nicht nur das Mittelalter beherrsch-te, sondern bis in unsere Tage heraufreicht, ist hier eine Anthologie alter Textbelege infranzösischer Übersetzung zugänglich gemacht und gründlich kommentiert. DerSchwerpunkt liegt- wie es der Titel besagt auf Geistern und Toten, doch reichen dieGrenzen bis in die Bezirke der Kobolde und Hexen hinein.

Die Thematik dieser Publikation gehört zu den Spezialgebieten der Forschung vonLecouteux, und so enthält sie nicht nur seine Ausdeutung alles Wesentliche, sondernauch der wissenschaftliche Apparat( zirka 20 Seiten) erlaubt es, mit dem Vorgelegtenweiterzuarbeiten.

Interessante Details bieten die Abschnitte zum Schicksal der ungetauften Kinder,zum Motiv der Konkubine eines Priesters und zum ,, Curé des chiens". Wieweit es sichbeim letzteren Motiv nicht gleichzeitig auch um Überschneidungen mit anderen Vor-stellungsbereichen handelt- den sehr stark mit anthropomorphen Bildern gezeichne-ten Tierwelten( wo es auch Wolfspriester etc. gibt)- müßte erst untersucht werden.Bei einer Reihe von Exempla gibt es zu den ernsten mittelalterlichen Ausgangsfassun-gen auch schwankhafte Behandlungen, welche anzeigen, wie sich die Weltsicht lang-sam verändert hat. Die Autoren haben eine sehr breite Streuung mit fast paradoxenGegensätzen in der Eigenart einzelner Texte erreicht und dadurch jede Einseitigkeitvermieden. Immer wieder wird dabei die Brücke zu historischen Fakten, zu religiösenBelegen und zur Literatur jener Zeit geschlagen, sodaß das Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum nicht isoliertbehandelt bleibt. Eine gute Einführung in einen wichtigen Abschnitt des mittelalterli-chen Lebens und Denkens.

Felix Karlinger

Ion Nijloveanu, Poezii populare românesti. Bucuresti, Editura Miner-va, 1989. Vol. I: XXXVIII, 478 Seiten, Vol. II: 449 Seiten.

Der Herausgeber der beiden Bände hat sich vor allem auch durch die Ausgaben vonProsa- Volkserzählungen, die er teils selbst gesammelt, teils eruiert hat, einen Namengemacht, doch verdanken wir ihm auch die Ausgaben verschiedener Volkslieder- Aus-gaben. Wertvoll war dabei mehrfach sein Nachweis, daß bestimmte Motive oderStoffgruppen sowohl als Balladen wie als Prosamärchen auftreten können.

Die uns nun vorliegenden beiden Bände bilden eine Art Resümee eines erfahrenenFeldforscher- Lebens. Bereits die Einführung zeigt, daß hier ein Mann spricht, der dieMaterialien nicht nur vom Schreibtisch her kennt, sondern daß er den Liedern und ih-rem Funktionskreis persönlich begegnet ist.

Neben dem von ihm mehrfach zitierten Ovidiu Bîrlea besitzt er ein eminentes Ge-spür für die Originalität seiner Texte und für ihren geistigen Hintergrund und versuchtin einer Art von Leitsätzen festzuhalten, was Bestimmung und Ziel der einzelnenLiedgruppen war.( Kann man noch sagen ,, ist"?)

Das Vorwort zeigt- auch mit Varianten- Vergleichen- wie behutsam Nijloveanuvorgeht und mit welch sicherem Instinkt er das Wesentliche auszuwählen versteht.

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