besondere mit den Akten der Hexenprozesse. Der ungarische Hexenglauben ent-wickelte sich im Laufe langer Jahrhunderte im ständigen Zusammenspiel internatio-naler Einwirkungen.
Béla Gunda
Reiner Sörries, Die alpenländischen Fastentücher. Vergessene Zeugnissevolkstümlicher Frömmigkeit. Klagenfurt, Carinthia, 1988, 365 Seiten, 267 Abb.Seit dem Mittelalter, d. h. bereits um das Jahr 1000, waren, historischen Quellenzufolge, Fastentücher in England, Frankreich, Deutschland und Italien, also imeuropäischen Kernraum, üblich. Ihr Zweck bestand darin, mit Beginn der Fasten-zeit, dem Quadragesimale, Kreuze und Bilder bzw. den gesamten Chorraum zu ver-hüllen, um die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf die Passion Christi zu lenken.Dem Zweck dieser Konzentration auf das Wesentliche entsprechend, könnte mandavon ausgehen, daß es sich zumindest bei diesen frühen Fastentüchern um einfar-bige, schmucklose Behänge handelte, doch bereits im frühen 12. Jahrhundert findensich reich bebilderte Fastentücher im süddeutschen Raum. Die liturgische Funktionder Verhüllung wurde so durch ein umfangreiches religiöses Bildprogramm mit einerheilsgeschichtlichen Aussage ergänzt oder überlagert, wobei festzustellen ist, daß biszum 17. Jahrhundert etwa sich die Fastenbehänge keineswegs, wie zu vermuten,allein auf die Darstellung der Passion beschränkten. Freilich hat sich im Laufe vonfast eintausend Jahren die Funktion, die andeutungsweise mit Dekoration, Verhül-lung, Symbolisierung zu umschreiben ist, gewandelt, sozusagen vom buẞzeitlichenFastensymbol zu einer der, biblia pauperum' vergleichbaren religiösen Didaktik.Sörries geht in den einführenden Kapiteln zu seinem Werk auf diese Probleme einund diskutiert die verschiedenen Standpunkte und Hypothesen. Seine Darstellungumfaßt den Zeitraum der letzten vierhundert Jahre, aus denen noch Zeugnisse dieser, Volkskunst' vorhanden sind. Diese Zuordnung ergibt sich nicht nur aus der Tatsa-che, die bereits Leopold Schmidt einmal aussprach, als es um eine Abgrenzung derObjekte ging, indem er( sinngemäß) schrieb, Volkskunst sei letztlich das, was in denvolkskundlichen Museen unter diesem Begriff gesammelt worden sei. Der Verfasserbestätigt dies mit der Beobachtung, daß keine der großen Kunstsammlungen einFastentuch besitze, sondern die letzten Exemplare in Volkskundesammlungen undHeimatmuseen zu finden seien. Es ist sicher auch kaum möglich, diese Objekte einessich an die breite Masse wendenden liturgisch- religiösen Phänomens einer kunsthi-storisch orientierten stilkritischen Betrachtungsweise zu unterziehen:„ Als Zeugnisvolkstümlicher Frömmigkeit sind die Fastentücher weit unter dem Niveau literari-scher Äußerungen der gebildeten Oberschicht anzusiedeln" schreibt der Autor.
Allein die Tatsache, daß sie nicht den Stilentwicklungen der kunsthistorischenEpochen unterworfen sind, spricht zunächst für diese Einordnung. Aber auch dieengen formalen und ikonographischen Grenzen, innerhalb derer wir von einer stän-digen ,, Wiederholung des ursprünglichen Gedankens" sprechen können, macht eineBetrachtungsweise von Volkskunst notwendig, die sich der soziologisch- phänome-nologischen Auffassung Adolf Spamers nähert. Fastentücher sind innerhalb eines( gegenüber A. Riegl u. a.) erweiterten Volkskunstbegriffs weder durch ihre Her-kunft, ihre künstlerische Qualität noch durch ihre Produzenten,„ sondern allein( durch) ihre Verwurzelung im volksfrommen Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum in soziologischen Schichtenunterhalb der führenden Oberschicht", also durch ihre Funktion, zur Volkskunst zurechnen.
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