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Der sanfte Wegvom Wenzels- zum Stephansplatz
( 7 Abb.)
Von Vera Mayer
I. Wir werden so lange streiken, bis unsere Forderungen erfülltsind." Revolutionsalltag an der Palacký- Universität im mährischenOlmütz. Eine volkskundliche Reportage
„ Pravda vítězí- die Wahrheit siegt." Ich betrachte ein Etikett,das ich von Studenten in Olmütz bekommen habe, mit der tsche-choslowakischen Flagge, dem böhmischen Löwen, der anstelle deskommunistischen Sterns wieder seine alte Krone hat, und mit die-ser Inschrift. Hätte mir jemand noch Anfang November 1989 soetwas gegeben, hätte ich wahrscheinlich vermutet, daß es sich umeine Provokation oder zumindest um eine geheime Verschwörunghandle. Daß die Wahrheit auch in der ČSSR siegt, daran hattekaum jemand geglaubt. Witze über die ČSSR als das letzte Reser-vat der Kommunisten in Mitteleuropa machten Furore. Nachdemaber die Berliner Mauer gefallen war, erkannten auch die jahrzehn-telang unterdrückten Tschechoslowaken ihre Chance. Die Vor-kommnisse bei der friedlichen Demonstration der Prager Studen-ten am 17. November 1989, wo über 140 junge Leute brutal geschla-gen, viele lebensgefährlich verletzt und miẞhandelt wurden, warendann der letzte Zündfunke. Kurz danach traten auch die„ Provinz-ler" an der Olmützer Universität gemeinsam mit den Prager, Preẞ-burger und Brünner Studenten in einen Besetzungsstreik.
Ironischerweise waren es jene Kinder, deren Eltern in die kom-munistische Zwangsjacke flüchten mußten und von der Partei,, überwacht" waren, damit ihre Kinder studieren konnten, die demMachtsystem der Kommunisten und dem schizophrenen Verhaltenihrer Eltern den Kampf ansagten. Die Jugend hatte sich entschie-
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