Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
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Grenzüberschreitungen

( 6 Abb.)

Von Klaus Beitl

Räumliche Übergänge können als Modell für(...) andereArten von Übergängen dienen. Mit Ausnahme der wenigen Län-der, für die noch immer ein Paß benötigt wird, kann in den zivilisier-ten Regionen heutzutage jedermann ungehindert eine Landes-grenze überqueren. Die Grenze- eine imaginäre Linie, die Grenz-steine oder-pfähle verbindet ist eigentlich nur auf Landkartenwirklich sichtbar. Es ist aber noch gar nicht so lange her, daß dasÜberschreiten von Landesgrenzen oder innerhalb eines Landes,das Überschreiten von Provinzgrenzen und noch früher selbst dasÜberschreiten von Landgütergrenzen von verschiedenen Formali-täten begleitet waren. Diese Formalitäten waren hauptsächlichpolitischer, juristischer und ökonomischer Natur, doch gab es auchsolche magisch- religiöser Art.

Die erneute Lektüre von Les rites de passage, dem erstmals1909 erschienenen Hauptwerk von Arnold van Gennep, Begründerder französischen Volkskunde, löst bei uns, den Zeitzeugen dessoeben zu Ende gegangenen Jahres 1989, Betroffenheit aus¹. Wasberührt, ist der Zynismus, der unserer europäischen Geschichte derseit dem Erscheinen dieses Werkes vergangenen 80 Jahre inne-wohnt. Die fortschrittliche Einschätzung eines liberalen und, gren-zenlosen" Zusammenlebens der Menschen auf unserem Kontinent,wie sie zu Beginn des Jahrhunderts möglich schien, ist durch Natio-nalismus, Kriegswahnsinn und totalitäres Machtstreben zunichtegemacht worden. Angesichts des, tollen Jahres 19892, in welchemMauern und Diktaturen umgestürzt worden sind, bewegt unszudem die Erfahrung, daß das Volk" der Held dieser revolutionä-ren Umwälzungen ist; und dies weitaus eindeutiger ist als zur Zeitder Französischen Revolution von 1789, deren 200jähriges Geden-ken gleichfalls im vergangenen Jahr zu begehen war. Es ist die Frei-

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