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Literatur der Volkskunde
1991, Heft 4
und Inhalt einzigartige Dokumentation der Erzählkultur einer Gebirgsregionin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Öffentlichkeit und der For-schung wieder bzw. erstmals zugänglich macht. Dafür ist Ursula Brunold-Bigler zu danken, und man darf mit Spannung auf den abschließendenBand 4 warten.
Ingo Schneider
Arabela ALMEIDA AZANG, ContosManaus[ ca. 1990], 144 Seiten.
contos... contos. T. A. B.
Wie schon ihr letztes Büchlein, so enthält auch dieses eine bunte Mi-schung von modernen Anekdoten, Sagen( an Brednichs Ausgaben erin-nernd), Mythen und Märchen. Bei einigen ist auch die Angabe von Erzählerund Ort angeführt, die meisten Texte aber sind nicht dokumentiert.
Man gewinnt den Eindruck, daß die Autorin nichts zu glätten versucht,vor allem die Dialoge zeigen die lebendige Umgangssprache, ja zuweileneine gewisse Holprigkeit. Ebenso ist nicht daran zu zweifeln, daß in denerzählten Texten nichts auf die Phantasie der Autorin verweist; nur dort, wosie zu deuten versucht, kommt ihre eigene Meinung zum Ausdruck.
Es bleibt natürlich schwierig, zu klären, wieweit dann die Interpretationsubjektiv und fehlerhaft ist, oder ob bereits die Vorstellung des Erzählendenvon dem abweicht, was sonst für bestimmte Motive gelten darf.
So schildert Frau Almeida eine Begräbniszeremonie in einem halb- india-nischen Dorf; dabei wird erwähnt, daß man dem Toten eine Perle in denMund gibt. Nun meint die Autorin, darin eine abwehrende Beschwörung desToten sehen zu müssen, um seine Rückkehr ins Dorf zu vermeiden. Sie sagtjedoch nicht, ob dies auch die Ansicht der Bestatter sei. Wir wissen von derGrabbeigabe bei vielen Völkern, Asiens, Afrikas und Amerikas, wo diePerle entweder- wie in den Mund gelegtes Geld- den Eintritt ins Jenseitserleichtern oder überhaupt die Unsterblichkeit vermitteln soll.
Büchlein und Broschüren wie die vorliegende existieren in Südamerikazahlreich. Man kann nur selten mit ihnen„, wissenschaftlich" arbeiten, aberman sollte an ihnen auch nicht achtlos vorübergehen.
Felix Karlinger