Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
329
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band XLV/ 94, Wien 1991, 329- 350

Hundert Jahre Hausforschung in Österreich

Von Oskar Moser

Im Kontext der Volkskunde als einer umfassenden historischenSozial- und Kulturwissenschaft gelten bisher das Bauernhaus und-freilich spürbar seltener- das Bürgerhaus der Stadt mit allen sonsti-gen Siedlungselementen wie Wirtschaftsgebäuden, Sakraldenkmä-lern, Arbeiterwohnhäusern usf. als die traditionellen Arbeitsgebieteder Hausforschung. Diese Forschungsrichtung entfaltete sich überweite Strecken parallel zu den wechselnden ideengeschichtlichenEntwicklungen der Volkskunde, obschon bei ihr die materiellenAspekte, das Bautechnische sowie auch künstlerisch- gestalterischeGesichtspunkte von Anbeginn in der Vorderhand waren. Die heuteallgemein anerkannte Komplexität ihrer Sachverhalte führte aberauch wie bei jener seit Anbeginn zu einem Geflecht unterschiedlich-ster Ansätze und vorwissenschaftlicher Ermittlungen, zumindest so-weit sie sich unmittelbar auf das Bauen und Wohnen der Menschenin einer breiteren Allgemeinheit beziehen.

Dieses Bauen und Wohnen vor dem durchgreifenden Wirksamwer-den des technisch- industriellen Zeitalters muß man sich noch imspäteren 19. Jahrhundert mit all seinen qualitativen und quantitativenGegensätzen zu den heutigen Verhältnissen nur richtig vorstellen. Esbot gewiß weithin Anlaß und Ursachen für einen vehementen, unum-kehrbaren Zugriff baulicher Verbesserungen bereits in der Aufklä-rung des 18. Jahrhunderts, so daß in Österreich beispielsweise schonum 1760, ja bereits in vortheresianischer Zeit durch die damaligenHerrschaften und Obrigkeiten verschiedene Maßnahmen zur Erhe-bung, Verbesserung und Neuordnung des Bauzustandes in Stadt undLand eingeleitet wurden. Wie vielfältig bereits diese Vorstufen des, heimatlichen Bauens bei uns gestaffelt waren, hat schon vor lan-gem Hanns Koren aufgezeigt und versuchten wir an dem Beispiel

1 Hanns Koren: Vorstufen des heimatlichen Bauens". In: Hanns Koren- LeopoldKretzenbacher: Volk und Heimat. Festschrift für Viktor von Geramb. Graz( 1949), S. 43- 62.