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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLV/ 94
Märchenpioniere in Europa, Straparolas, Ergötzliche Nächte der 1550erJahre und Basiles, Pentamerone' der 1630er Jahre."( S. 45) Sind das„ unse-re" Märchen?
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બાળ
Überhaupt – so will dem Rezensenten scheinen, und dabei kann er natür-lich irren- ist wieder einmal die Grenze zwischen„ Märchen“ und„ Mär-chenmotiv" zu wenig beachtet. Man darf hier vielleicht an Worte vonFriedrich von der Leyen erinnern, die bereits vor 80 Jahren gefallen sind:„ Wir müssen streng unterscheiden zwischen Märchenmotiv und Märchen.So seltsam das klingt, so vergaßen und vergessen doch die Forscher nichtsöfter, als gerade diese einfachste der Tatsachen. Hätte man sich immer ansie erinnert, so wäre eine ganze Reihe von Theorien und wissenschaftlichenFehden gar nicht entstanden; denn diese beruhten zum größten Teil auf derVerwechslung von Märchenmotiv und Märchen.“( In:„ Das Märchen“,Heidelberg 1911, S. 75)
Bereits ein Blick in die von Charlotte Oberfeld zu ihrer Einleitunggebotene Literatur( im Umfang von über zwei Seiten) zeigt, wie sehr dasBuch und die Mehrzahl seiner Beiträge am engeren Thema vorbeiführt. Esgeht um bestimmte Komponenten des Märchens, um die Widerspiegelungin der Gegenwart- so vor allem auch um psychologische Aspekte( GertrudLechner, Bilder der menschlichen Seele. Kunsttherapeutische Erfahrungenam psychiatrischen Krankenhaus Marburg 1972- 1988) und um Mythen-geschichte, aber das liegt eigentlich ziemlich abseit des in Anspruch genom-menen Themas.
Das will keineswegs die Bedeutung dieses Sammelbandes herabsetzen;man bedauert freilich, daß einerseits derjenige enttäuscht wird, der sichkonkrete Aufschlüsse über„ unsere“ Märchen erwartet, und daß umgekehrteinige wirklich bedeutende Beiträge in einem solchen Band nicht gesuchtwerden. Das gilt etwa für die Aufsätze über brasilianische Indianer Glossar ::: zum Glossareintrag Indianer- Märchenund für japanische Märchen.
Schade!
Felix Karlinger
Hufschläge am Himmel- Georgische Märchen. Aufgezeichnet, übersetztund herausgegeben von Robert BLEICHSTEINER. Regensburg, ErichRöth, 1990, 199 Seiten.
Der Wiener Akademie der Wissenschaften war es zu danken, daß währenddes Ersten Weltkrieges durch ethnographische Spezialisten in den Lagernmit russischen Kriegsgefangenen Volkslieder und Volkserzählungen gesam-melt worden sind. Das wurde systematisch organisiert, indem man nachVolksgruppen unter den Kriegsgefangenen vorgegangen ist. Einer der dabeitätigen Ethnologen war der 1954 verstorbene Dr. Robert Bleichsteiner.