1991, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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( ,, Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau Maleen") vor allem in Nordeuropa verbreitet sei, ein Schluß, derwohl auf Waldemar Liungman zurückgeht, der seinerseits nicht ausreichendüber die balkanischen und iberischen Volkserzählungen informiert gewesenist. Auch zu dieser Motivik haben wir seinerzeit Überlegungen vorzulegenversucht( in„ Revista de istorie și teorie literară“, 1980, 2, S. 305 ff.). Lokali-sierungen bestimmter Motivkomplexe bleiben manchmal problematisch.
Daẞ Uther Brentano nicht berücksichtigen konnte, ist wegen des beträcht-lichen Umfangs von dessen Märchen durchaus einsichtig. Doch hätte Bren-tano als Vermittler in Hinblick auf Basile eine Bemerkung verdient, steht erdoch im unmittelbaren Vorfeld zu den KHM, wenn auch manchmal als rechtsperriger Klotz.
Facit: der vorliegende Band ist zweifellos ein Meilenstein in der Grimm-Forschung und zugleich eine gut zu lesende Märchensammlung.
Als Desiderat bleibt weiter eine- möglichst mehrbändige- Auswahl derMärchen vom Mittelalter bis herauf ins Barock.
Felix Karlinger
ULF DIEDERICHS( Hrsg.), Wo die schönen Mädchen auf den Bäumenwachsen... Sehenswürdiges und Sagenhaftes von der Wartburg bis zur InselRügen. Berlin, Ullstein, 1990, 384 Seiten, 196 Abb., 6 Karten.
Als eine Art Landeskunde der Länder Thüringen, Sachsen- Anhalt, Bran-denburg und Mecklenburg- Vorpommern auf der Basis historischer undvolkstümlicher Sagen erweist sich dieser mit Bildern opulent ausgestatteteBand. Man findet darin berühmte Lokalsagen und in diesem Gebiet lokali-sierte Wandersagen. Manche davon zeigen eine eigene und eigenwilligeAusformung; so etwa die Sage von der Ilmnixe, die in zwei Fassungenvorgelegt wird. Die eine Fassung( S. 48)„ Die Ilmnixe und der Graf“ folgtweder den tragischen Varianten, wie wir sie aus dem Melusinen- undUndinenstoff kennen, sondern der verheiratete Graf„ teilte viele Jahre mitihr seine Liebe". Und erst nach dem Tode seiner Gemahlin: soll er ausReue über sein doppeltes Spiel den Umgang mit der Nixe vermieden habenund zur Sühne in ein Kloster gegangen sein."
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Andere Texte- wie eine Spielform der Brückenopfersage( S. 51)- haltensich an den herkömmlichen Ablauf bis ins Wörtliche.
Hingegen bringen die historischen Sagen originelle und originale Texteaus dem Mittelalter, der Lutherzeit bis herauf zu den Jahren Friedrichs desGroßen. Darunter etwa die Anekdote von der Herkunft des Namens Übel-essen( bei Leipzig), die erzählt, daß dort dem Kurfürsten Johann Friedrich1547 bei der Mittagstafel eine abgeschossene Kanonenkugel in die Schüsselhineingefallen sein soll.