Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVI/ 95

entgegengesetzte Lehre verkünden: Sie sind Exempel für die Mehrschich-tigkeit des Lebens und genialer Protest gegen die Reduktion des Erzählensauf die exempelhafte Einsinnigkeit beim abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischen Sammlungstyp"( S. 281).

Der Band wird durch einen Bericht über die Exempelforschung in Frank-reich von 1968 bis 1988 von Jacques Berlioz, Les recherches en France surles exempla médiévaux, 1968- 1988)", abgeschlossen. Mehr als in andereneuropäischen Ländern hatte sich in Frankreich seit den späten 60er Jahrendie Geschichtswissenschaft im Rahmen der Erforschung der Mentalitätsge-schichte dem Exemplum zugewandt. Die wichtigsten Impulse stammten vonJacques Le Goff und seiner Schule, ab 1975 untersuchte vor allem Jean-Claude Schmitt die mittelalterlichen Predigtexempel unter dem Gesichts-punkt ihres Einflusses auf die Volksreligiosität und das Volksleben, währendsich Claude Brémond strukturalistischen und semiotischen Fragen widmete.Berlioz' Forschungsbericht schließt mit einer 130 Titel umfassenden Bibli-ographie.

Der Gang durch die einzelnen Beiträge mag gezeigt haben, daß dasvorliegende Werk an manchen Stellen die üblichen Grenzen von Tagungs-bänden überschreitet: Die eingebauten Bibliographien, Handschriftenver-zeichnisse und Texteditionen erschließen bisher unbekannte Exempelsamm-lungen und erlauben weiterführende Forschungen. Den Herausgebern seifür die gelungene thematische und chronologische Anordnung der Beiträgeein Lob ausgesprochen; der Band ist angenehm zu lesen und zeigt trotz derzwangsläufigen Themenauswahl Überblickscharakter.

Gottfried Kompatscher

Geheimnisse des Wassers. Märchen und Geschichten. Gesammelt vonFelix KARLINGER. Frankfurt a.M., Leipzig, Insel Verlag, 1991( it 1331).142 Seiten.

Felix Karlinger, der bereits 1984 in dem Sammelwerk Die Welt imMärchen" das vortreffliche Kapitel Das Meer" beigesteuert hat( Kassel1984, S. 84- 92; 180- 181), bringt in der Reihe der Insel- Taschenbücherunter dem Umschlagbild spätpräraffaelitischer Malerei( Hylas und die Nym-phen) eine aufregende Sammlung von Märchen und Geschichten als Zeug-nisse des Faszinosums Wasser. Karlinger verzichtet auf die klassisch gewor-denen Erzählungen( das Mühlenlied aus Snorris Edda würde man vergebenssuchen). Er stellt vielmehr 35 Texte aus neueren Aufzeichnungen zusam-men, wobei Heinrich von Wlislocki( 1886) oder Anton von Mailly( 1922)bereits wie ehrwürdige Vorfahren erscheinen. Manches ist von ihm selbstaufgezeichnet und hier zuerst veröffentlicht worden. Seiner thematischen