Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 181- 200
Die Bedeutung„ heiliger Längen“ im Rahmen der Kultur-geschichte insbesondere des österreichischen Raumes
Von Gustav Otruba
Sogenannte„ heilige Längen“ hat es vor allem für Christus undMaria, aber auch für mehrere Heilige gegeben, die als Fürsprecher imFalle bestimmter Krankheiten in Frage kamen. Sie existierten in Formvon Amuletten zumeist aus Textilien, Papier, Holz in Form vonBändern, Schnüren, Stäben oder Latten, sofern sie Körper- oderGrabeslängen bezeichneten, wobei diese oft soweit verkürzt waren,daß sie ein Sieben-, Sechzehnfaches oder seltener ein rundes Mehr-faches dieser Länge symbolisierten. Es wurden aber auch die angeb-lichen ,, wahren Fußspuren" als Ausschnitt in Papier auf Holz in vollerGröße nachgebildet. Eine Besonderheit stellen die im österreichi-schen Raum verbreiteten„ Fraisen- oder Sterbehäubchen" dar, diedem„ geköpften“ heiligen Adalbert geweiht waren und dessen Schä-delform und seine Grabeslänge angedeutet als Krankheitsschutz ver-banden. Zuletzt sei noch auf die zahlreichen Versuche verwiesen, dieGrabeskirche in Jerusalem oder Marias Haus von Loreto sowie auchsonstige wichtige Gnadenkapellen mit ihren wundertätigen Statuenoder Bildern möglichst maßstabgetreu nachzubilden und so ihrerSegenskraft ebenfalls teilhaftig zu werden.
Allgemein ist dazu zu sagen, daß dieses Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum insbesondereauf Christus und Maria bezogen wird; es beginnt großteils seit denKreuzzügen im Mittelalter und erlebt eine Hochblüte in der Barock-zeit, läßt sich aber auch noch im 19., ja sogar 20. Jahrhundert nach-weisen. Vorbilder hiezu existieren sowohl im Heroenkult der Antike-hinsichtlich der Fußspuren- als auch besonders bei den Juden, wel-che die Klagemauer mit Schnüren abmaßen und im Rahmen der,, heiligen Zahlen“ verkürzte Teilstücke als Krankheitsschutz und Ge-burtshilfe verwendeten.
Ich verdanke Frau Elisabeth Pfeiffer/ Nürnberg mehrere Hinweiseauf mythologische Größenangaben aus der Antike. Homer berichtetin der Odyssee von den beiden Zwillingsriesen Otos und Ephialtes.