Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVII/ 96, Wien 1993, 457-470
Bewegliche Bildkugelschreiber
Über eine Sache und die Möglichkeiten, sie anzusehen
Von Bernhard Tschofen
Kein Werkzeug ist selbst dem Ergologen näher als Feder oder Stift.Aber was wissen wir über ihren Gebrauch? Was über all die Fragen,die in der modernen Sachkulturforschung postuliert werden, wiepersönliche Aneignung, individueller Umgang oder symbolischerGebrauch? Vielleicht gerade weil sich die Kulturwissenschaftenschwer tun, vom Eigenen zu handeln- außer es betrifft Vergangenes-war der Alltag forschenden Arbeitens selten ein Thema für sie. Ersoll es auch nicht in dieser kleinen Skizze sein, die das Ziel verfolgt,eine spezifische Gattung Schreibgeräte vorzustellen und aus ihrerBetrachtung einige Fragen zum Dinggebrauch und zur Dingbedeut-samkeit abzuleiten.
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Auch sollen hier nicht die wirklich alltäglichen Schreibutensili-en dreiviertel der Beiträge in dieser Zeitschrift werden inzwischenauf Personalcomputern abgefaßt- ins Auge gefaßt werden, sondernein Genre, dessen Funktionen weit über die des eigentlichen Schrei-bens hinausreichen.² Die Rede ist von den in Touristenzentren derganzen Welt angebotenen bunten Kugelschreibern, in deren hintererGriffhälfte sich Landestypisches oder sonstwie Originelles in eineröligen Flüssigkeit hin- und herbewegt.
So unterschiedlich wie die Motive sind, so ähnlich ist die äußereBauart dieser in den letzten drei Jahrzehnten kaum veränderten Pro-1 Zur sachenbezogenen Schreibkultur zuletzt die beiden Cloppenburger Bände(= Materialien zur Volkskultur- nordwestliches Niedersachsen 16 u. 17) – El-friede Heinemeyer: Schreibgarnituren aus der Sammlung Kommerzienrat F.Soennecken; Karl- Heinz Ziessow u.a.: Hand- Schrift- Schreib- Werke. Schriftund Schreibkultur im Wandel in regionalen Beispielen des 18. bis 20. Jahrhun-derts. beide 1991.
2 Gleichwohl sich freilich – Hermann Bausinger folgend- in einem Bleistift kaumdie Welt der Angestellten fassen läßt; vgl. Schlußbemerkungen in: Konrad Köstlinund Hermann Bausinger( Hg.): Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte desDinggebrauchs. 23. deutscher Volkskundekongreß in Regensburg 1981(= Re-gensburger Schriften zur Volkskunde 1). Regensburg 1983, S. 304f.