Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
147
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVII/ 96, Wien 1993, 147–166

Dinge ohne Erinnerung

Anmerkungen zum schwierigen Umgang mit jüdischen Kult-und Ritualobjekten zwischen Markt und Museum

Von Bernhard Purin

Die Renaissance jüdischer Historiographie in den letzten zehn,fünfzehn Jahren hat sich auch auf die Museumslandschaft ausgewirkt:In Amsterdam und Frankfurt entstanden große jüdische Museen, inBerlin und Wien werden solche Sammlungen geplant. Große kultur-historische Ausstellungen haben sich in den letzten Jahren ebensodieser Thematik angenommen.' Jüdische Geschichte wurde und wirdin diesen Präsentationen vorwiegend durch Relikte der Sachkulturdargestellt. Optischer Mittelpunkt sind dabei die erhalten gebliebenenKult- und Ritualobjekte. Ihnen wird viel abverlangt: Sie sollen einenEinblick in die jüdische Welt, in deren Alltag ebenso wie in derenFeste ermöglichen, sie sollen stellvertretend und veranschauend fürdas stehen, was jüdische Kultur genannt wird. Das wirft aber eineReihe von Fragen auf, die einerseits das Verständnis jüdischer Ge-schichte betreffen, andererseits aber auch grundsätzliche Problememusealer Darstellung berühren. Die folgenden Überlegungen zumUmgang mit jüdischen Kult- und Ritualgegenständen im Museumsind das Resultat einer Auseinandersetzung über die Ausstellbarkeitvon Judaika, die im Vorfeld des Aufbaues des Jüdischen Museums inHohenems geführt wurde.

1986 hatte sich in Hohenems ein Verein konstituiert, um unterseiner Trägerschaft ein Jüdisches Museum in der ehemals in jüdi-schem und nun in städtischem Besitz befindlichen Villa Heimann-Rosenthal zu errichten. In der einstigen Reichsgrafschaft Hohenemsbestand seit dem frühen 17. Jahrhundert eine jüdische Landgemeinde,die im 18. und 19. Jahrhundert zu den größten und bedeutendsten imBodenseeraum zählte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging

1 So beispielsweise ,, Judentum in Wien", Historisches Museum der Stadt Wien 1988,,, Geschichte und Kultur der Juden in Bayern", Germanisches NationalmuseumNürnberg 1988/89 oder ,, Jüdische Lebenswelten", Gropiusbau Berlin 1992.