Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
72
Einzelbild herunterladen
 

72

Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

nur mehr von affektiver und emotionaler Bedeutung, er dient, wie allesBrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum, hauptsächlich dem Erlebnis von Zusammengehörigkeit vor demHintergrund der ständig empfundenen ethnischen Bedrohung.

In diesem Sinne hat sich auch die Nachbarschaft in ihrer grundsätzlichenBedeutung verändert: die räumliche Nachbarschaft im einst rein deut-schen Straßenzug deckt sich heute nicht mehr mit der ethnischen. Der imAlltag akzeptierte rumänische Nachbar bleibt vom Brauchgeschehen derheute nur noch ethnisch funktionierenden Nachbarschaft ausgeschlossen.Somit zeigt Girtlers Buch ein vom Wunschdenken der Landler vermittel-tes Landlerbild, nicht zuletzt für die Landler selbst geschrieben:, Auch seineMutter( sc. einer Gewährsperson) habe die Arbeit gelesen, auch sie seizufrieden und freue sich über das fertige Buch."( S. 17)

Irmgard Sedler

Johannes MOSER, Elisabeth KATSCHNIG- FASCH, Blatten. Ein Dorfan der Grenze(= Kuckuck Sonderband 2/1992). Graz 1992, 107 Seiten.

Ein Buch ist anzuzeigen, das schwer einordenbar ist: Ortsmonographieoder Feldforschungsbericht, Grenz- und Minderheitenstudie oder Lehrstückwissenschaftlichen Schiffbruchs, von all dem hat die nunmehr vorliegendeVeröffentlichung der Ergebnisse eines Grazer studentischen Forschungspro-jektes Züge aufzuweisen, ohne sich dezidiert dem einen oder anderen Genrezu verschreiben. Darin liegen, um es gleich vorwegzunehmen, zugleich dieStärken und Schwächen dieser Publikation.

Der Hintergrund ist einfach: Studentische und lehrende Teilnehmer einerProjektlehrveranstaltung begaben sich 1987/88 in ein kleines Dorf( derName mußte auf Wunsch der Bevölkerung geändert werden) im steirisch-slowenischen Grenzland, um dort Übungen in Sachen Feldforschung durch-zuführen. Nach akuten Anfangsschwierigkeiten, die im übrigen den Aufent-halt im Feld" für die Teilnehmer zum regelrechten Abenteuer gerinnenließen, kristallisierte sich eines immer mehr heraus: Die Projektgruppe warnicht nur in ein Grenzdorf geraten, sondern vielmehr in eine Kommunitätmit einer starken- aber verleugneten- slowenischen Minoritätskultur. KeinWunder also, wenn in der Folge die Fragen nach der dörflichen Identität undnach den Bedingungen und Folgen der verdrängten Zweisprachigkeit in denMittelpunkt der Interessen rückten. Damit hatte das Projekt dann zwar seineFragestellung gefunden, aber gleichzeitig ein Gutteil an Garantie auf Er-gebnisse" preisgegeben. Daß dieser Weg seine Berechtigung hat, belegendie nunmehr versammelten Berichte und Reflexionen der Teilnehmer aufunterschiedlich überzeugende Art und Weise.

Elisabeth Katschnig- Fasch, gemeinsam mit dem Soziologen ChristianFleck Projektleiterin, setzt sich mit Feldforschung in Blatten auseinander