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Gabriela Kiliánová
ÖZV XLVII/ 96
Betonung auf die historische komparative Auslegung der Phänomenegelegt. Aber auch neue Impulse aus den Nachbarländern, wie diebiologische Methode von A. van Gennep, die Biologie des Erzählens,schon 1926 von Kurt Ranke formuliert, waren in der Slowakeibekannt. Prof. Frank Wollman, der mit seinen Studenten des Sla-wischen Seminars der Komenský- Universität die größte Sammel-aktion über die Volksüberlieferung in der Zwischenkriegszeit or-ganisierte, steckte die Forschungsziele ziemlich hoch: Er verlangtevon den Studenten, die Volksüberlieferungen in ihrer natürlichenUmgebung aufzuzeichnen, um das Erzählen in einen vollständigenkulturellen und sozialen Kontext einordnen zu können( Horvátho-vá 1973; Leščák 1975).
Als bedeutenden Fortschritt der Volkskunde kann man die Entste-hung und Entwicklung des funktionalen Strukturalismus in Bratislavain den dreißiger und vierziger Jahren ansehen. Diese Schule ist imAusland ziemlich wenig bekannt, obwohl sie für die theoretische undmethodologische Entwicklung der slowakischen Volkskunde grund-legende Bedeutung hatte. Deshalb möchte ich bei ihr kurz verweilen.Die Gründe für die unzureichenden Informationen über den tschecho-slowakischen Strukturalismus wurzeln in der Sprachbarriere, aberauch darin, daß diese Schule nach dem Zweiten Weltkrieg als„ anti-marxistisch“ und„ bourgeoise“ galt und zum Schweigen verurteilt war( Leščák 1991).
Der funktionale Strukturalismus in der slowakischen Volkskundeverbreitete sich aufgrund der Werke des russischen WissenschaftlersPjotr Grigorjevič Bogatyrjov( 1893- 1970) und seiner Schüler An-drej Melicherčík( 1917- 1966), Soňa Kovačevičová, Rudolf Mrljanu.a. In der Tschechoslowakei existierten schon seit den zwanzigerJahren der Prager linguistische Kreis und das Brünner Zentrum, wosich der Strukturalismus entfaltete. Im Jahr 1937 entstand in Bratis-lava der Verein für die wissenschaftliche Synthese, in dem sich diejunge slowakische künstlerische und wissenschaftliche Avantgardetraf. Das Ziel des Vereins war, gemeinsam über die neuesten künstle-rischen Richtungen und die aktuellsten Probleme der modernen Wis-senschaft zu diskutieren. In diesem Rahmen konnte man auch dieVorträge von P. Bogatyrjov und A. Melicherčík hören, die neuetheoretische Thesen und untraditionelle Ideen hervorbrachten. P. Bo-gatyrjov ging nach den Prinzipien der synchronen Linguistik desFerdinand de Saussure an die ethnographischen Phänomene heran.