Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band XLVII/ 96, Wien 1993, 1-16
Volkskunde in der SlowakeiEin Überblick¹
Von Gabriela Kiliánová
Das Ziel meines Vortrages ist es, Sie mit der Entwicklung derVolkskunde in der Slowakei bekannt zu machen. In einem kurzenÜberblick ist es nicht möglich, in Details zu gehen, sodaß ich Ihnenhier die Haupttrends der Entwicklung und ihre Schnittpunkte unter-breiten werde. Gleichzeitig wissen wir alle, daß die Entwicklung jederwissenschaftlichen Disziplin niemals so geradlinig verläuft, wie wirsie im zeitlichen Abstand dann reproduzieren. Da gibt es Bewegungenauf verschiedenen Seiten, Schritte vorwärts und auch Schritte zurück,Wiederkehr zu älteren Ansichten aus neuen Positionen. Und schließ-lich verläuft die Entwicklung jeder Wissenschaft nicht im luftleerenRaum, sondern wird sehr durch die gesellschaftliche Situation beein-fluẞt, in welcher die Wissenschaftler leben und arbeiten. Es ist,einfach ausgedrückt, auch ein Gewirr verschiedener menschlicherSchicksale, die keinesfalls zufällig die momentane Richtung und neueOrientierung in der Forschung bestimmen. Weil Wissenschaft vonMenschen betrieben wird, hat sie ganz einfach auch menschlicheDimensionen.
Die Volkskunde in der Slowakei als selbständige wissenschaftlicheDisziplin ist Ende des 18. Jahrhunderts allmählich aus der Heimat-kunde entstanden. Unter dem Einfluß der philosophischen IdeenMontesquieus entwickelte sich im damaligen Ungarn, wozu in dieserZeit die Slowakei gehörte, eine aufklärerisch- rationalistische Orien-tierung auf das Studium des Volkes und seiner Kultur hin. DasInteresse für das Volk hatte vor allem ökonomische Hintergründe, dieInhalt und thematische Richtung dieser neuentwickelten Wissenschaftbeeinflußten. Arbeiten aus dieser Epoche, ob es nun Reisebeschreibun-gen und Monographien über einzelne Komitate waren oder Werke mitethnographischem Material, konzentrierten sich eindeutig vorwiegend
1 Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten am 23. April 1992 im Verein fürVolkskunde in Wien.