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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVIII/ 97
M. G. VARVUNIS, Ααϊκή λατρεία και Θρησκευτική συμπεριφοράτων κατοίκων της Σάμου[ Volksreligion und religiöses Verhalten derBewohner von Samos]. Diss. Athen 1992, 348 Seiten, 8 Übersichtskarten,zahlr. Tabellen und graphische Darstellungen.
Die ausgezeichnet dokumentierte Dissertation von Varvunis, Volkskun-deassistent an der Universität Thrakien, der bisher Arbeiten zu ,, Musikali-schen Handschriften aus Hag. Nikolaos auf Samos“ 1989 ,,, Mythologischeund volkskundliche Studien“ 1990 ,,, Volkskundliche Nachrichten aus demReisewerk, Voyage en Morée' von Fr. Pouqueville“ 1991 vorgelegt hat,entspringt der Meraklis- Schule einer soziologischen Aufarbeitung der reli-giösen Volkskunde und bildet demnach ein Pendant zur Dissertation ,, Dasreligiöse Verhalten der Bewohner der Insel Kea“ von Euphrosyne Karpodi-ni- Dimitriadi( vgl. meine Rezension in ÖZV 92, 1989, S. 346- 348).Systematische Quellenaufarbeitung in unveröffentlichten Sammelhand-schriften verschiedener volkskundlicher Institutionen, der samiotischen Lo-kalpresse und eigener Feldforschungsaufzeichnungen verbinden sich miteiner bedeutenden Umschaufähigkeit und Literaturkenntnis und führen zu-sammen mit dem akribisch dokumentierenden Arbeitsstil zu anschaulichpräsentierten Ergebnissen. Diese sind dahingehend zusammenzufassen, daßdie religiöse Praxis seit 1940 in Schwundstufen verläuft, die auf Auswan-derungswellen und demographische Ausdünnung der Inselbevölkerung zu-rückzuführen ist, ab 1960 auch auf die Änderung des Lebensstils in denStädten des Eilands, der zunehmend vom Tourismus und tourismusabhän-gigen Aktivitäten beeinflußt ist. Ab der Mitte der 80er Jahre kommt es auchzu Versuchen folkloristischen Wiederbelebens von religiösem Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum.Die Änderungen betreffen sowohl die Lebenslaufbräuche wie auch denreligiösen Hintergrund der Produktionsverfahren und fuẞen in einem allge-meinen Zurückgehen des Kollektivgefühls der ,, Wir- Gruppe", das vielfachdie psychologischen Voraussetzungen abgibt für öffentliche religiöseBrauchkomplexe. Trotzdem ist die eigentliche religiöse Sensibilität kaumzurückgegangen( hier treffen sich die Ergebnisse mit denen von Karpodini-Dimitriadi), bloß manifestiert sie sich nicht mehr so häufig im öffentlichenrituellen Kontext. Das ist an den z.T. bedeutenden Geldspenden für dieErhaltung von Kirchen und Kapellen abzulesen wie auch an der lokalenMassenbeteiligung an den einzelnen regionalen Heiligen- und Krankenfe-sten( Kirtagen), die in z.T. abgelegenen Kapellen abgehalten werden. Auchbrauchtümliches Verhalten, das mit Gesundheit, Volksmedizin, psychi-schem Gleichgewicht und innerlichem Aufarbeiten von Ereignissen zu tunhat, also ,, Therapie“-Riten im weitesten Sinn, Votivgaben, spezielle Lita-nei- Anrufungen usw. sind keineswegs zurückgegangen. Bei diesen Beob-achtungen ist auch eine Grenze zu ziehen zwischen Städten und Dörfern: in