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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVIII/ 97
Vielleicht sollte man das vorliegende Buch mit anderen Augen lesen:Immerhin spricht allein die Tatsache, daß hier nur schlagwortartig monierteFacetten zumindest angedeutet werden, für eine weit über das Selbstver-ständliche hinausgehende Qualität der Fragestellung. Daß diese immer eineFrage der Interessen ist, zeigt das sorgfältig erarbeitete Kapitel zur Rolle desfreiwilligen Arbeitsdienstes bei der Wiener Höhenstraße. Entgegen der vonWien- Bewohnern gerne kolportierten Meinung, wurde sie nämlich nichtvom Arbeitsdienst ,, gebaut", sondern von einer Vielzahl kleiner und mittle-rer Betriebe des Baugewerbes. Die Rolle des Arbeitsdienstes beschränktesich auf freilich propagandistisch ausgeschlachtete Hilfsdienste: symboli-sche Beschäftigungspolitik.Bernhard Tschofen
Dan DINER, Verkehrte Welten. Antiamerikanismus in Deutschland. Einhistorischer Essay. Frankfurt a.M. 1993, 188 Seiten.
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Dan Diner ist in Essen und Tel Aviv Professor für Neuere und Außereu-ropäische Geschichte. Er hat bisher eine Reihe wichtiger Bücher publiziert.Diese zu lesen, ist auch für Volkskundler von Nutzen, seine neueste Arbeithingegen hier zu besprechen, hat einen einfachen Grund: Sie ist wichtig.Denn wenn heute noch- und für junge Studenten nahezu unverständlichvereinzelt Heimatpfleger den Wert ihrer Tätigkeit bzw. die Bedeutung vonVolkskultur darin bemessen, daß sie gegen die Beeinflussung durch ameri-kanische Kultur( Negermusik Glossar ::: zum Glossareintrag Negermusik und-tänze) gerichtet sei, so ist dies alsAusläufer einer langen Linie eines eher unterschwellig geführten volks-kundlichen Diskurses, einer fachinternen Grundannahme zu sehen. In we-nigen Beispielen: Im 19. Jahrhundert priesen Fachvertreter Heimisches undwetterten gegen ,, americanische Verhältnisse". Diese konnten bald auchkonkrete Namen aufweisen. So ist etwa im Vorwort der zweiten Nummerder Tiroler Heimat 1922 vom ,, amerikanischen Schwindler Wilson" dieRede, der Südtirol verraten habe. Prominente Fachvertreter haben denn auchunverhüllt in den 50er Jahren und danach, wie kürzlich vom SalzburgerHistoriker Gert Kerschbaumer¹ belegt, Antiamerikanismus mitunter alsErsatz für Antisemitismus- propagiert. Amerikanische Kultur steht dortsynonym für Unkultur, für Primitivität Glossar ::: zum Glossareintrag Primitivität und damit für bedrohte Werte undTraditionen. Antiamerikanismus tritt zudem als Kritik an Massenkultur( Hollywood, Coca Cola, MacDonalds) in Erscheinung und ist ein Stückpolitischer Gegenwartskultur der Rechten und der Linken gleichermaßen.
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