1994, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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, Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum, das niemand braucht; außer Bürgermeister in Fremdenver-kehrsgemeinden." Es spricht einiges dafür, inhaltlich zu folgen. Von bloßerFolklore ist noch ein zweites Mal im Text die Rede( S. 92). Sie dient dabeials Beispiel für( multi-) kulturelle Verfügbarkeit in der Gegenwart.
Hier lohnt Kritik, weil Burger hinter volkskundliches Standardwissenzurückfällt und auch ihm einschlägige Literatur zugute gekommen wäre.Denn ,, bloße Folklore" schließt ein, daß es auch ,, echte“ gegeben hat.Bräuche können weiters auch ,, gebraucht" werden, wenn Fremdenverkehrden Hauptgrund liefert. Und ein letztes: Ausgesprochen unsympathisch istder Ausdruck ,, staatssubventionierte Folklore", weil im Hintergrund dasSchimpfwort der ,, staatssubventionierten Kunst" mitklingt. Das Argumentist aber auch darum falsch, weil es in Österreich zwar ,, Staatsfolklore"geben mag, aber eine staatliche Subventionierung, da Bundesländerangele-genheit, fehlt.
Was bleibt? Lesen, weil nur dadurch der Circulus vitiosus gegenseitigervolkskundlicher Selbstbestätigung gelöst werden kann und weil es das Buchauch tatsächlich wert ist.
Reinhard Johler
1 profil, Nr. 2, 10.10.1993, S. 16-17.
Elisabeth GROSSEGGER, Der Kaiser- Huldigungs- Festzug Wien 1908(= Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil.- Hist. Klasse, Sit-zungsberichte, 585. Band). Wien 1992, 368 Seiten, 182 Abb.
Der Kaiser- Huldigungs- Festzug in Wien im Jahre 1908 nahm das 60jäh-rige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs, der diesem Unterfangenzunächst allerdings ablehnend gegenübergestanden war, zum Anlaß einerder letzten Interpretationen des Vielvölkerstaates. Konkreter: Es war eine inrecht kurzer Zeit privat initiierte großbürgerlich- adelige und zugleich libe-rale Deutung sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart des öster-reichischen Teils der Habsburgermonarchie. Die Intentionen lagen zeitge-schichtlich auf der Hand, denn es sollte die großösterreichische Staatsideepropagiert, national- sezessionistische Bewegungen hingegen bekämpftwerden. Am 12. Juni 1908 zogen in einem 8 km langen Zug 12.000 Teilneh-mer am Regentenhaus sowie an einer halben Million Zuschauern vorbei.Der Festzug bestand aus vier Teilen: Der erste umfaßte 19 historisch geklei-dete Gruppen, die die Habsburgerherrschaft symbolisierten. Danach folgtendie Genossenschaften. Der mit der größten Begeisterung aufgenommene