Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 166- 197
Literatur der Volkskunde
Alain CORBIN, Wunde Sinne. Über die Begierde, den Schrecken und dieOrdnung der Zeit im 19. Jahrhundert. Stuttgart, Klett- Cotta, 1993, 232Seiten.
Alain Corbin ist spätestens seit der deutschen Übersetzung seiner beidenBücher Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs und Mee-reslust. Das Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag Abendland und die Entdeckung der Küste( beide Berlin, Wagen-bach Verlag, 1984 bzw. 1990) auch in den deutschsprachigen Geschichts-wissenschaften kein Unbekannter. Seine originelle und eigenständige Art,Mentalitätengeschichte zu betreiben, legt Corbin auch in einer Reihe neue-rer und älterer Aufsätze an den Tag, die nunmehr in einem Sammelbandzugänglich sind. Das gemeinsame Thema der Beiträge ist – der Titel deutetes an- das Sinnesempfinden und die kollektive Zerrissenheit, welche mitden Veränderungen der Lebensweise einherging: Alltagsgeschichte hinterden Kulissen des Fortschritts.
Corbin begibt sich nicht auf dieses vage Terrain, ohne die Schwierigkei-ten der durch die Fragestellung implizierten Methoden selbst zum Themazu machen. Er trennt jeweils scharf zwischen der Wirklichkeit des Sinnge-brauchs und den Bildern, denen jene anhingen, die über weite Strecken diejeweiligen Diskurse dominierten. Die intuitive Sicherheit beim Lesen derQuellen und die aus vorsichtiger Position an Überzeugung gewinnendenKorrekturen scheinbarer Gewißheiten machen die Qualitäten des Bandes imGesamten aus.
Den Auftakt bildet eine Skizze über Die Zeit und ihre Berechnung im 19.Jahrhundert; und sie führt auch schon die Problemfelder des gesamtenBuches vor Augen. Corbin erzählt von den Ungleichzeitigkeiten, von lang-samen und schnellen Veränderungen, von Rationalisierung, Normierungund den Resistenzen dagegen, von den Widersprüchen zwischen öffentli-cher Zeit und individueller Wahrnehmung. Das„, bürgerliche Zeitmodell"bringt ein neues Verhältnis von Arbeit und Muße und erlegt beidem Disziplinauf: Das Buchhalterische, wie es aus den der Selbstkontrolle dienendenTagebüchern und anderen privaten Aufzeichnungen spricht, liest Corbin alsAusdruck der Angst vor einer Verschwendung der Zeit, des Geldes, desKörpers und der Gefühle.
Die Ordnung über die Haushaltungen des privaten Lebens, der Seele undder Kräfte, steht unsichtbar auch über einer Reihe von anderen Beiträgen.