Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Seite
215
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 215- 248

Literatur der Volkskunde

HAID, Gerlinde und Hans( Hg.), Alpenbräuche. Riten und Traditionen inden Alpen. Bad Sauerbrunn, Edition Tau, 1994. 267 Seiten, zahlr. Abb.

Thomas Mann spricht im ,, Zauberberg von Kurgästen aus den ,, Ländernder Ebene", die in der alpinen Höhe des Davoser ,, Berghotels" verbindende,, Grundbegriffe einer gemeinsamen Lebensweise, wie etwa eine veränderteWahrnehmung der Zeit, kennen würden. Auch wenn der( lungenschwind-süchtige) Zusammenhang ein spezifischer ist, so liefert doch die literarischeStelle genügend Anknüpfungspunkte für das hier zu besprechende Buch:Lassen sich alpine Geschichte und somit auch die Zeiterfahrung- wie diesTitel, Sprache der Bilder und auch mehrere Autoren vermeinen- auf Archaikund Authentizität zurückschrauben, die im Gegensatz zur Moderne des,, Flachländischen" stehen? Gibt es darüberhinaus, wie ,, Alpenbräuche"andeutet, eine ,, alpenländische Gesellschaft( siehe etwa Friedrich Ratzeloder Adolf Günther), existiert eine zugrunde gelegte alpin- ökologischeLebensweise( etwa John W. Cole und Eric R. Wolf), haben ,, Upland Com-munities"( Pier Paolo Viazzo) tatsächlich feststellbare Identitäten, läßt sichgar ein ,, homo alpinus( Anselm Zurfluh) in Vergangenheit und Gegenwartreal fassen? Was somit eine Vielzahl von Forschern unterschiedlichsterDisziplinen seit längerer Zeit intensiv beschäftigt, bleibt in ,, Alpenbräuche"ausgespart bzw. als mehr geglaubte, denn belegte Grundannahme unter-schwelliger Tenor des Buches. Was eine interessante Frage gewesen wäre,wird als feste Antwort dem Buch und vielen Artikeln unterlegt.

Lediglich der kluge und überzeugende Aufsatz von Thomas Antonietti,der sich mit dem ,, Demonstrationskatholizismus im schweizerischen Wal-lis anhand von Fronleichnamsprozessionen auseinandersetzt, macht hiereine erfreuliche Ausnahme. Aufschlußreich ist seine Interpretation einerMilitarisierung der Bräuche in Verbindung mit der nationalen Stereotypen-bildung des 19. Jahrhunderts, die ,, christliche Nächstenliebe und, patrio-tische Vaterlandsliebe in Fronleichnamsprozessionen vereinigte. Tatsäch-lich läßt sich dieser Befund auch auf Österreich übertragen; die genanntenAspekte katholische Frömmigkeit, Militarisierung des Alltags( etwa auch:Tiroler Schützen) und Nationalisierung- sind eine longue- durée- Studie imAlpenraum wert. Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum wäre gerade für eine derartige vergleichendeUntersuchung ein kultureller Indikator. Hier aber wichtiger ist eine ab-schließende Bemerkung von Antonietti, die grundsätzlich auf die Existenz