1995, Heft 2
Chronik der Volkskunde
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In memoriam Niko Kuret
( Triest 24.4.1906 – Ljubljana 25.1.1995)
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Im hohen Alter von 89 Jahren ist der slowenische Gelehrte Niko Kuret,gewiß der bedeutendste Volkskundler, den sein Volk hervorgebracht hat,abberufen worden. Mitten in einer Fülle wissenschaftlicher Arbeit! Ich habemit ihm einen meiner besten Freunde verloren. Schon vor dem ZweitenWeltkriege hatte ich seine Bemühungen gekannt, das bei den KärntnerSlowenen wie in Krain altüberlieferte, mit dem barocken Ordenstheater derJesuiten wie mit dem allgemeinen ,, Umzugsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Umzugsbrauchtum“ zusammenhängen-de geistliche ,, Volksschauspiel“ als Herausgeber von Spieltexten( Passion,Verlorener Sohn, Weihnachts-, Dreikönigsspiele) nach dem kärntnerslowe-nischen ,, Volksdichter“ Andrej Šuster- Drabosnjak( 1768- 1825) seinemVolke wieder nahe zu bringen. Eine Briefverbindung seit 1946 mit immerneuen Fragen, Überlegungen, Antworten zum Begriff„, Volkskultur", nichtnur der slowenischen, sondern weit ausgreifend über den mehrsprachigenOst- und Südostalpenraum, das hatte in den frühen Fünfzigerjahren zu engerFreundschaft geführt, unsere beiden Familien miteingeschlossen. Von 1956an schloß sich der Kreis der einander befreundeten Volkskundler in einemFächer und Sprachgrenzen überschreitenden, organisatorisch nur lose, abermenschlich engen ,, Alpes Orientales"-Bunde zusammen. Der war zunächstaus dem weiterführenden Gedankengut eines Ivan Grafenauer( 1880-1964)in dem von diesem charismatisch wirkenden, für seine Schüler und diejungen Mitwirkenden auch gegen manche politische Willkür als Beschützer,auch eben für Niko Kuret, kämpfenden Akademie- Mitglied gegründetenInstitutum Ethnographiae Slovenorum( im Rahmen der ,, Slowenischen Aka-demie der Wissenschaften und Künste“) beheimatet. Vereint auch mit † Ro-bert Wildhaber( 1902- 1982) und mit Milko Matičetov konnte sich einelange Reihe von Tagungen im weiten Ostalpenraum mit Publikationen vonbleibendem Wert als Zeugnisse des guten Willens in wirklicher Aufbruchs-stimmung nach so viel Unglück, das in zwei Kriegen über Völker und Länderdieses Kulturraumes hereingebrochen war, dokumentieren. Lange ehe auchandere Räume Ähnliches( Ethnographia Pannonica, Symposion Mogersdorfusw.) beginnen sollten.
In Triest geboren, dreisprachig mit slowenisch, italienisch und deutschaufwachsend, mußte der Knabe mit seinen Eltern sehen, wie ein großesReich zerfiel, ohne daß die Slowenen im neugebildeten SHS- Staate, der fürsie nicht volle Freiheit und Kulturhoheit, sondern ,, Balkanisierung“ zubringen drohte, ihr ,, mitteleuropäisches“ Denken und Empfinden verlierenwollten. Im Tito- Staat war es der( wie wir heute sehen aus den grauenhaftenFolgen miẞglückte) Versuch, so viele Sprachnationen, Religionen, Konfes-sionen, Minoritäten und Mentalitäten ab 1945 in eine einzige ,, jugoslawi-