Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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1995, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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päon- ein uralter Brauch sei:, Schon die Ägypter des Altertums kanntendas, himmlische Brot, ein Brot, das geheime Lebensstoffe enthielt, wieüberhaupt die Mystifizierung des Brotes kennzeichnend ist für bäuerlicheGesellschaften."( S. 111) Voilà: Nun hat es auch noch Ägypter der Pharao-nenzeit in den Vielvölkerstaat Kärnten verschlagen, vielleicht im Gefolgeder römischen( und gar nicht himmlischen) Heerscharen, deren ,, Römerstei-ne in den Kirchen vermauert wurden, nicht etwa als billiges Baumaterial( Spolien), sondern ,,, um allem Heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  Heidnischen die Wirkung endgültig zu neh-men( S. 247). Seufzend hofft man am Ende des Buches, daß Grabmayerauch ohne Nachweise schon irgendwie recht behält.

Dieses Elaborat stellt das bislang erheiterndste und zugleich erschütternd-ste Dokument für eine geschichtswissenschaftliche Frömmigkeitsforschungdar, die sich aller historischen Ansätze entledigt hat und sich auf der Grund-lage publikumswirksamer Kuriositäten am großen Wurf von ,, Volkskultur"versucht. Selbstverständlich reizt das Mysterium der longue durée, okkulterTraditionen, der Widerständigkeit der Ungebildeten gegen die neuen christ-lichen Doktrinen, der Fremdartigkeit der Handlungen an Gräbern wie der-übrigens auch christlich erklärbaren- Berührungs- und Inkubationskulte,für welche die Schlupflöcher und ein Teil der hoch- und spätmittelalterlichenGrabanlagen stehen( z.B. Bamberg, St. Michael: Grab des hl. Otto vonBamberg). Grabmayer ist der bislang jüngste Vertreter für jene ,, Angst desHistorikers vor der Quelle, von der ich in ,, Wotans Wiedergeburt( ausge-rechnet!) gesprochen habe, für die neue Lust am Germanischen und Kelti-schen, von dem wir bis heute nur wenig Exaktes, dafür sehr viel Spekulativesund Esoterisches wissen. Zudem fällt die Arroganz des Historikers gegen-über den Nachbarfächern auf; man kann nicht darüber klagen, daß Grab-mayer die volkskundliche Sekundärliteratur nicht ausgeschlachtet hätte;allerdings wählt er nur das in sein Konzept passende Material aus. Über denmodernen Forschungsstand hingegen läßt er sich keine grauen Haare wach-sen; seine ultimative Weisheit über den Aberglauben bezieht er aus Juliusvon Negeleins ,, Weltgeschichte des Aberglaubens( 1931/1935), nicht ausDieter Harmenings Standardwerk ,, Superstitio( 1979); solange die brauch-geschichtlichen Aufsätze Hans Mosers oder die Arbeiten von MarianneRumpf ignoriert werden, verharren das Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum ebenso wie die Percht-gestalten im eisgrauen Heidentum Glossar ::: zum Glossareintrag  Heidentum.

Wie er ferner mit historischen Fakten umgeht, zeigt das Beispiel KaiserHeinrichs II. und seiner Frau Kunigunde, die ,, im 12. Jahrhundert imBamberger Dom heiliggesprochen worden seien( S. 175). Dort liegen sietatsächlich begraben, die Kanonisationsbulle Papst Eugens III. läßt sichhingegen genauer datieren; sie stammt von 1146. Was soll aber die Beck-messerei exakter, leicht erhebbarer Daten, wo es um Kontinuitäten überJahrtausende hinweg geht! Da stört auch nicht, wenn in Ermangelung