1995, Heft 1
Wunderglaube und Heilserwartung im barocken Klosterleben
9
Weitschweifig wird über dieses„ mirakulöse Frauenbild“ und übereine sonst nur besonderen Heiligen vorbehaltene lactatio 10 berichtet:
Der zweyte geistliche Schatz mit welchen Vnẞer Pragerische Stüff-tung Von Ihro Mayestätten denen Kayßerlichen Stüfftern bereichetworden, ist ein Miraculoses Mutter Gottes bilt Maria de Lacte genant,welches die Allerheiligste Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau in einen rotten Kleidt mit einenVöllig nakhenden JESU Kindlein an dero entblosten Brust saugendVorstellet. Der Vrsprung Vnd Herkomen dises bilts wird in VnẞernAllmoẞen buch mit folgenden worten beschrieben: Die frau ObristeHoffmeisterin/: Ihro Mayestätt der Kayserin Maria Anna glücksee-ligen andenkens, Vnẞers allergnädigisten Jetzt Regirenden KayẞersLeopoldi I. frau Mutter:/ eine Gräffin Von Cienela, hat dises biltgehabt, welches sie etwan in Spanien auß Andacht Von einem deßglei-chen abcopiren lassen. Nachdem es aber noch nicht gar/: wiegebräuchlich:/ mit dem dritten Penßel Verfertigt worden, ist gemelteGräffin in ein Hitzige Kranckheit gefallen, also daß Sie gantz vonSünnen komen, durch diẞes bilt aber hat Sie widerumb die gesundheiterlangt: ursach deßen Sie auch solches auß Ehrerbittung Von keinemMahler mehr wollen berühren laßen, sondern also unaußgemahltermit großer andacht Verehret. Alẞ Sie aber zu Wienn Sterben solte, undtgegen Vnẞerer offtgemelten Wohl Ehrw: Schw: Euphrasiam/: sodermahl noch weltlich undt bey Hoff ware:/ ein sehr große lib truge,hat Sie ihr wegen ihrer Andacht, undt weill Sie wuste, daß Selbe dengeistlichen Ordens Stand eintreten wollte, dißen ihren Schatz Ver-schaffet. Diẞe Euphrasia hat nicht weniger große gnaden darbeygenossem: dan Sie zweymahl durch dises gnadenreiche bilt VonTödlicher Kranckheit befreiet worden, und zwar benantlich als Sieeins mahls in ihrer Kranckheit große Hitz litte, schaute Sie dieses H:bild an, so Sie allezeit bey ihren böth hangend hatte, und sagte mitgroßen Vertrauen und Inbrunst zu dem Kindl JESU: Du mein aller-liebster Säugling, gib mir doch auch ein wenig zu Trinckhen. Vndsiehe wunder! alsobald thut daß liebste Kindl sein gebenedeytesmündlein auf die Seithen, und die Mutter Gottes Sprizet Von ihrerHeiligsten brust auf Sie, darvon Sie alsobald frisch undt gesundtworden. Von welcher zeit an ihr Andacht zu dießen gnadenreichen bilt10 Vgl. Leopold Kretzenbacher: Schutz- und Bittgebärden der Gottesmutter. ZuVorbedingungen, Auftreten und Nachleben mittelalterlicher Fürbitte- Gesten zwi-schen Hochkunst, Legende und Volksglauben.( Bayerische Akademie der Wis-senschaften. Phil.- hist. Klasse. Sitzungsberichte, Jg. 1981, 3) München 1981.