1995, Heft 1
Wunderglaube und Heilserwartung im barocken Klosterleben
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Vom freygebigen Himel ein mitl zu suchen, welches die armseeligeErden nicht Vorstrekhen könte.
Sie brachte ein im Kloster schon längere Zeit verehrtes mirakulösesMarienbild zu der Kranken und empfahl ihr, sich diesem Bild anzu-vertrauen, welches von der ganzen Christenheit alẞ ein Heyl derKrankhen Verehrt Vnd angerufen wirdt.
Die Chronistin fährt dann in breiter, barocker Erzählung über dasgeschehene Heilungswunder fort:
Nun höre Wunder! Kaum begunte die demüthige Vntergebene denBefehl Ihrer Oberin zu Vollziehen, da erlangte Sie durch Mariam, waẞSie Verlangte. Es halffe ihr in diẞer Noth auch ein gewißer nirgendsdort mit eignen Namen benennter Vnßeriger Geistlicher, so ein sehrgroßer Diener Gottes ware, Vnd damahlen in Wienerischen- Clostersich befande, dann alẞ dißer Vor dem Hochwürdigen Gutt für dieKranckhe eyfrig bettete, Vndt sein eigenes leben dem Herrn für Siedarbotte, sahe er im Geist, daß die übergebenedeyteste Himels Köni-gin Maria, sambt ihren Jungfraulichen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfraulichen gespons dem H: Joseph dergedachten Kranckhen den heiligen Segen gaben, worvon Sie alẞobaldsolche gesundheit Vnd Kräfften überkomen, daß Sie sich reißfertigmachen könen.8
Daß es sich dabei um ein Marienbild vom Typus Maria lactansgehandelt hat, wird dann auch in einer breit ausgesponnenen Eintra-gung desselben Jahres 1656 geschildert. Das wundertätige Bildstammte aus dem Besitz der Mutter des Kaisers Leopold I., MariaAnna( 1606–1646), die es in Spanien nach einem Orginalbild kopie-ren ließ. Diese schenkte es vor ihrem Tode ihrer Hofdame aus spani-schem Adel, die dann im Jahre 1637 in das Wiener Karmelitinnenklo-ster eintrat und dort als Schwester Euphrasia von Jesu Maria jenewunderbare Heilung erfuhr, von der die Chronik berichtet. Das mira-kulöse Gnadenbild wird dann von der geheilten Schwester auf ihrerReise ins neugegründete Prager Kloster mitgenommen und in derKlosterkirche feierlich aufgestellt. Ein heute noch erhaltener Kupfer-stich vom Prager Kupferstecher Anton Birckhart( 1677 – 1748) zeugtvon der einstmals großen Verehrung dieses Gnadenbildes( Abb. 3).⁹
8 Chronik, S. 8f., Nr. 10.
9 Kupferstich mit der Inschrift: Gnaden bild Mariae in der Kirchen deẞ Heil:Joseph bey denen W. E. E. Kloster Jungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauen barfüssigen Carmeliterinen in derkleinen Statt Prag. Steirisches Volkskundemuseum, Inv. Nr. 5. 963, 15 x 9 cm,Hochformat.