Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
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1996, Heft 2

Chronik der Volkskunde

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beobachten läßt, daß zu Weihnachten und Ostern die Kirchen aus allenNähten platzen, während sie den Rest des Jahres über fast leer stehen. Auchdie religiöse Raumausstattung blieb von diesem Phänomen nicht unbeein-flußt. Segenssprüche, überdimensionale Rosenkränze und aufwendig ge-schnitzte Madonnen fanden Eingang in die modernen Wohnungen. Auffal-lend ist aber, daß viele Gegenstände des religiösen Zimmerschmucks nichtoder nur ungern von ihrem angestammten Platz entfernt werden, selbst wennsie ihre ursprüngliche Funktion längst eingebüßt haben. Oft trifft man z.B.auf eingestaubte Kruzifixe mit längst ausgedörrten Buchszweigen und leereWeihwasserbehälter, die zuweilen sogar zu Aschenbechern umfunktioniertwurden. Diese Veränderungen haben selbstverständlich ihre Auswirkungenauf den Devotionalienhandel. Hier gibt es die Großhändler, die beispiels-weise hunderte Kruzifixe an neuerrichtete Krankenhäuser und Schulenliefern, dort neuartige Geschäfte mit Wallfahrtsandenken, die aber mehreinem Handarbeits- oder Geschenkartikelladen gleichen. In jedem Fall gehtdie Tendenz des Marktes zu ästhetisierten Produkten aus den verschieden-sten Materialien mit Designerformgebung.

Volksfrommes Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum ändert sich aber auch durch obrigkeitlicheEinflüsse. Die Reformprogramme Maria- Theresias und Josefs II. undschließlich jene der aufgeklärten bayerischen Regierung stehen am Ende derbarocken Volksfrömmigkeit in Tirol. Zwar lebten viele Prozessionen undWallfahrtsorte nach 1813/14 wieder auf bzw. fanden einen nie dagewesenenAufschwung, doch fielen andere volksfromme Bräuche endgültig dem Ver-gessen anheim. Ähnliche Veränderungen ließen sich im 20. Jahrhundertdurch die rasante Verstädterung, vor allem der Kurorte, beobachten. Daverschwanden Fronleichnamsprozessionen und Heilige Gräber, wurdenWallfahrtskirchen geschlossen oder, z.B. in Südtirol, einer anderssprachigenReligionsgemeinschaft übergeben. Selbst altehrwürdige Feiertage verlierenzusehends an Bedeutung, wenn sie nicht mehr staatlich geschützt sind. Trotzder teilweise für die kirchliche Verwaltung nützlichen Reformen( z.B. Ver-besserung der Pfarrstruktur) Josefs II. wird die Erinnerung an ihn im Volkdurch das Image eines Kirchenfeindes geprägt.

Über kaum ein Thema der Volkskunde wurde so umfangreich geforschtund geschrieben, wie über die Volksfrömmigkeit. Dies hat seinen Grund vorallem in der Vereinigung zweier Wissenschaftszweige unter dem Begriff,, Religiöse Volkskunde. Ursprünglich als pastoralpsychologischer Zugriffauf volksfromme Phänomene verstanden, übernahm später die Volkskundeden Begriff als Bezeichnung für die kulturwissenschaftliche Analyse popu-lärer Frömmigkeit. Heute werden Volksfrömmigkeit und Volkskultur zuneh-mend als Einheit verstanden. Insofern ist das Institut für Europäische Eth-nologie/ Volkskunde der Universität Innsbruck mit seiner Ausstellung zumThema Volksfrömmigkeit in der Gegenwart gewissermaßen ,, mit der Kirche