2002, Heft 3+ 4
Literatur der Volkskunde
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griechischen Inseln, die von der Venezianerherrschaft ins Osmanische Reicheingegliedert wurde( erst 1715), was sich heute noch durch einen hohenProzentanteil katholischer Bevölkerung bemerkbar macht( etwa ein Drittelder Inselbevölkerung). Darauf geht dann das dritte Kapitel näher ein: ,, Bau-ern und Bürger auf Tinos. Trennlinien, Gegensätze, Zäsuren“( S. 29 ff.), indem die kulturelle Kartographie ausgebreitet wird: Gegensätze von Innenund Außen, Oben und Unten, Orthodoxen und Katholiken( unterprivilegier-te bäuerliche Bevölkerung in historischer Umkehr zu den einstigen Gege-benheiten). Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der ,, Panagia"( Gottes-mutter) in der Volkskultur der Insel( S. 35 ff.): Nicht nur die berühmteMarien- Wallfahrt in der Hauptstadt ist dem Marienkult gewidmet, sondernauch eine Reihe von Dorf- und Klosterkirchen. Sodann gehen die Einzelka-pitel fast durchwegs nach Maßgabe des Jahreslaufbrauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Jahreslaufbrauchtums vor: Neu-jahrsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag jahrsbrauchtum( S. 43 ff.), die Theophanie- Kalanda( S. 53 ff.), Karnevals-brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag brauchtum und satirische Karnevalslieder( S. 57 ff.), der Oster- Zyklus( S. 65 ff.), zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt( S. 73 ff.), ein Kapitelzum Tanz( S. 83 ff.), St. Johannes- Feuer und Klidonas- Brauch( S. 89 ff.),das Heiligenfest( panegyrion) des Propheten Elias im Sommer auf denBergspitzen( Helios)( S. 97 ff.), das Unwesen der Gello und anderer som-merlicher Feen( S. 105 ff.), toponymica, die auf die starken Winde hinwei-sen( S. 115 ff.), zur Jagd auf der Insel( S. 125 ff.), zwei Kapitel zum Feldbauund zur Ernte( Saat, Drusch usw.), Schweineschlachten in der Vorweih-nachtszeit( S. 149 ff.). Das Büchlein ist abgeschlossen von einem interes-santen und originellen Kapitel über die Volkskunde der Lokalwahlen auf derInsel im Zeitraum von 1890–1964. In die Ausführungen sind meist histori-sche Photographien eingestreut, die spezifischen dokumentarischen Wertbesitzen. Das in deutlich nostalgischen Tönen geschriebene Büchleinschließt mit einer Auswahlbibliographie und den Erstveröffentlichungen derEinzelkapitel, die meist in der Lokalpresse der Insel erschienen sind. DieArbeit von Florakis ist ein Beispiel dafür, daß nicht streng wissenschaftlichaber dennoch überaus informative, nostalgisch getönte und insofern nicht,, idelogiefreie Arbeiten auch aus der Feder einer neuen Generation trotzaller Kritik aus den Reihen der„, gelehrten“ und„, wissenschaftlichen" Kul-tur- und Sozialanthropologen, die solche Versuche eher als dilettantischePopularliteratur beurteilen, durchaus ihre Fortsetzung finden. Hier bahntsich eine Mehrgeleisigkeit an, die im Methodenpluralismus ihren Ausdruckfindet, trotz des einheitlichen, allerdings universellen Forschungsgegen-standes: die menschliche Kultur in ihren regionalen Ausformungen.
Walter Puchner