Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Dorf der Frauen“ : ein Recherche- und Vermittlungsprojekt am Museum Wattens
(Tirol)
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ÖZV, LXXVI/ 125, 2022, Heft 1

Der ländliche Raum und insbesondere das Dorf waren langeZeit der historischen Volkskunde und dem Interesse ihrer vorwiegendmännlichen Vertreter an kulturellen Ausdrucksformen wie Bräuchenund bäuerlichen Gerätschaften vorbehalten, die Suche nach Fragmen-ten aus vorindustriellen Zeiten dominierte das Forschungsinteresse.59Für die Geschichtswissenschaft war analog nicht der beschwerlicheAlltag der Arbeiter* innen in den Tiroler Fabriken, sondern ein Ortwie die im Jahr 930 erstmals erwähnte Pfarre Wattens von größererRelevanz.60 Lebenswelten und Geschlechterverhältnisse im ländlichenRaum fielen in der Konsequenz gleich mehrfach aus dem Zuschnittdisziplinärer Perspektivierungen, die sich in enggeführten Fragestel-lungen und wenig vernetzten Feldern niederschlugen. Mit Kulturals ,, Schlüsselbegriff konnten, wie die Historikerinnen ChristinaLutter, Margit Szöllösi- Janze und Heidemarie Uhl ausführen, in den1990er Jahren schließlich althergebrachte Fachgrenzen überwundenund inter- wie transdisziplinäre Erkenntnis- und Kooperationsmög-lichkeiten erschlossen werden, in denen auch der Faktor Geschlechtentsprechenden Raum erhält und ins Verhältnis zu Herrschaftsforma-tionen gesetzt oder im Zusammenhang mit sich wandelnden Körper-bildern debattiert werden kann.

Wie die Historikerin Katharina Scharf und der HistorikerMartin Knoll argumentieren, soll Regionalgeschichte mit Fokus aufFrauen- und Geschlechtergeschichte historische Entwicklungen ande-rerseits auch nicht qua Zuschnitt separieren. Stattdessen sollen viel-stimmige Erkenntnisse in eine veränderte Auffassung von historischerProzesshaftigkeit einfließen.62 Gerade wenn es um das Einbeziehen

59 Vgl. Paul Hugger: Volkskundliche Gemeinde- und Stadtteilforschung.In: Rolf Brednich( Hg.): Grundriss der Volkskunde. Einführung in dieForschungsfelder der Europäischen Ethnologie. 2. Auflage. Berlin 1994,S. 273-291, hier S. 275.

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Das Dorf und seine Bewohner* innen versprachen eine gewisse Über-schaubarkeit und wurden oft als abgeschlossene Einheit begriffen, die sichvermeintlich in Gänze erfassen ließ. Vgl. Wolfgang Kaschuba: Einfüh-rung in die Europäische Ethnologie. 2. Auflage. München 2003, S. 128.Christina Lutter, Margit Szöllösi- Janze, Heidemarie Uhl: Einleitung. In:Dies.( Hg.): Kulturgeschichte. Fragestellungen, Konzepte, Annäherungen(= Querschnitte, 15). Innsbruck u. a. 2004, S. 7-12, hier S. 7 f.Vgl. Martin Knoll, Katharina Scharf: Europäische Regionalgeschichte.Eine Einführung. Wien 2021, S. 145.