Simone Egger und Elisabeth Waldhart ,,, Dorf der Frauen“
49
Neben autobiografischen Erinnerungen waren es vor allem Gesprächeüber Mütter, Großmütter und Freundinnen, die via Oral History Bei-träge zu einer vielstimmigen Geschichte des Inntals in der Zeit von1900 bis in die Gegenwart lieferten.36
Die recherchierten Lebensläufe sind mit verschiedenen Pro-fessionen und oft auch mit mehreren beruflichen Feldern gleichzeitigverknüpft. Dabei erstreckt sich das Spektrum der erzählten Aufgabenvon selbstständiger Haus- und Heimarbeit und dem bäuerlich- agra-rischen Sektor über den Alltag von Industriearbeiterinnen und Ange-stellten bis hin zum sozialen Bereich oder dem Leben im Kloster, dasfür viele Frauen eine Alternative zu einer Familie darstellte, Bildungs-chancen eröffnete und Selbstbestimmung möglich machte.
Erwerbsbiografien zwischen Fabrik und Landwirtschaft
Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert führte in erster Linie einPatent des Glasfabrikanten Daniel Swarovski aus Böhmen dazu, dassdie lange Zeit vornehmlich agrarisch geprägte und wenig vermögendeGemeinde im Inntal mit der Ansiedlung des Unternehmens nach 1895einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr. Um die Jahr-hundertwende sind binnen weniger Jahre mehr als tausend Personenaus der Umgebung und anderen Teilen der österreichisch- ungarischenMonarchie zugezogen, weil sie Arbeit in der Glasschleiferei fanden.Vor der Firmengründung zählte das Dorf knapp 800 Einwohner* in-nen.37 Neben Swarovski prägte vor allem die bereits seit dem 16. Jahr-hundert bestehende Papierfabrik die Entwicklung der Gemeinde.Beide Betriebe beschäftigten im 19. und im 20. Jahrhundert zahlreicheFrauen im Haupt- und Nebenerwerb- und oft in Heimarbeit. Schonvor dem Ersten Weltkrieg war jede* r dritte Beschäftigte am Ort
36
37
Lemmermöhle, Dietlind Fischer, Dorle Klika, Anne Schlüter( Hg.): Les-arten des Geschlechts: zur De- Konstruktionsdebatte in der erziehungs-wissenschaftlichen Geschlechterforschung. Opladen 2000, S. 96-115.Vgl. Roswitha Breckner: Von den Zeitzeugen zu den Biographen. Metho-den der Erhebung und Auswertung lebensgeschichtlicher Interviews.In: Berliner Geschichtswerkstatt( Hg.): Alltagskultur, Subjektivität undGeschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte. Münster 1994,S. 199-222, hier S. 203 f.
Vgl. Dauerausstellung im Museum Wattens, 2018. Konzeption SimoneEgger in Kooperation mit HG Merz.