Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVII/ 106, Wien 2003, 255-262
Zur Eröffnung des Volkskundemuseums in Graz
Barbara Frischmuth
Wenn ein Museum wie das Volkskundemuseum in Graz nach fünf-zehn Jahren wiedereröffnet wird, ist es Zeit, sich zu fragen, welcheLücke da geschlossen werden soll, und ob es- provokant gefragt-überhaupt eine Lücke gegeben hat oder bloß kostbare Dinge, die mannicht im Depot verkommen lassen wollte.
Ich selbst habe dieses Museum vor mehr als vierzig Jahren, als ichin Graz lebte, besucht, und wenn ich ehrlich bin, kann ich michbewußt vor allem an jene hl. Kummernus erinnern, die bärtige Jung-frau Glossar ::: zum Glossareintrag frau, die mittlerweile zu ihren Leihgebern zurückgekehrt ist. Wohin-gegen die anderen Schauobjekte, ob sie mich damals mehr interes-sierten, wie die Tschatsch- und Fraisenketten, die Votivbilder undSchädelkreise oder weniger, wie die Trachtensammlung, in meinemGedächtnis mit anderen Gegenständen aus anderen Sammlungen zueinem Fundus verschmolzen sind, der sich in meinem Bewußtsein alsein Gesamtes der steirischen Volks- und Alltagskultur eingenistet hat.Ein Gesamtes der Art, das mich einzelne Gegenstände, selbst inanderen Zusammenhängen als den musealen, wiedererkennen läßt.Und das ist doch schon etwas.
Clifford Geertz, einer der Direktoren des Institute of AdvancedStudy in Princeton, sagt über seinesgleichen:„, Ethnographie ist das,was die Praktiker tun.“ Und das trifft nicht nur auf die Ethnographenim allgemeinen zu, sondern auch auf die Volkskundler im besonderen,die sich geradezu programmatisch mit der Sammlung, Beschreibungund Darbietung der Dinge des täglichen Lebens, der Alltagskultureben, befassen, ob mit denen vorindustrieller Ausprägung wie es immuseumseigenen Begleittext zu den Exponaten der Schausammlungheißt, oder denen des industriellen bzw. des elektronischen Zeitalters,das vor allem in der Art und Weise der Präsentation gegenwärtig ist.
1 Dieser Text wurde anläßlich der festlichen Wiedereröffnung des Volkskunde-museums in Graz am 16. Mai 2003 von der Autorin vorgetragen.