2003, Heft 1
Leopold Schmidt und die Lösung des Gordischen Knotens
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nach wie vor( neben der Berufung etwa auf fremdenverkehrsträchtigeLandschafts- und Architekturästhetik) jene bäuerliche ,, Volkskultur"herausgestrichen wurde, die über all die politisch- ideologischen Zä-suren hinweg emotional stets hoch besetzt und zu jedweder Natio-nalisierung tauglich war- und die auch stets das thematische Zentrumhiesiger Volkskunde gewesen ist. Und wenn in der Zwischenkriegs-zeit die Behandlung dieses thematischen Zentrums wie gesagt vor-rangig auf ,, Deutsches“ gezielt hatte vom ,, Deutschen Volkslied"bis zum ,, Deutschen Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum in Österreich“ 20-, so hat das demangesprochenen Kontinuitätsmoment keinen Abbruch getan: Diese,, Volkskultur" konnte problemlos austrifiziert werden und ViktorGeramb etwa ohne weiteres sein Handbuch ,, zur Kenntnis und zurPflege guter Sitten und Bräuche“ ins Österreichische transferieren¹¹.Wie ja auch beispielsweise die„ Österreichische Volkskunde fürjedermann“, ein 1952 erschienenes Gemeinschaftswerk ,, meist jün-gerer und beamteter Fachleute❝22,- an dem Schmidt übrigens nichtmitgewirkt hat in ihrer den Rahmen des Vorkriegskanons nichtüberschreitenden„, volkstümlichen Darstellung unserer Volkskul-tur die Assimilationsfähigkeit seinerzeit herkömmlicher volks-kundlicher Themenfelder an gewandelte politische Zeitströmung be-legt. Diese Art volkskundlicher Nachkriegsliteratur hat jedenfallseine ähnliche Dekorationsrolle bei der Formierung und Betonungösterreichischer Eigenständigkeit gespielt wie die halboffizielle apo-logetisch- glorifizierende Staats- Literatur jener Tage, von der hier nurdas von Ernst Marboe im Auftrag des Bundespressedienstes heraus-gegebene ,, Österreich- Buch" 24 als ein Hauptwerk affirmativer Natio-20 Geramb, Viktor: Deutsches Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum in Österreich. Ein Buch zur Kenntnis undzur Pflege guter Sitten und Bräuche. Graz 1924.
21 Geramb, Viktor: Sitte und Brauch in Österreich. Ein Handbuch zur Kenntnis undPflege guter heimischer Volksbräuche. Graz 31948. Dieser publizistischen Stra-tegie ist Geramb auch bei der Wiederauflage seiner nur geringfügig an zeitgei-stigen Sprachgebrauch angeglichenen theoretisch- gesellschaftspolitischen Ab-handlungen nachgekommen( z.B. Geramb, Viktor: Gedanken über Volkskundeund Heimatschutz. In: Deutsch- Österreich 1, 1913, S. 299-307; ders.: Von Volks-tum und Heimat. Gedanken zum Neuaufbau. Graz 1919; ders.: Um ÖsterreichsVolkskultur. Salzburg 1946).
22 Klier, Karl M.: Rezension„, Österreichische Volkskunde für jedermann“. In:Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 7/56, 1953, S. 64 f.
23 Mais, Adolf( Hg.): Österreichische Volkskunde für jedermann. Wien 1952, S. 5( Vorwort).
24 Marboe, Ernst: Das Österreich- Buch. Wien 1948.