Aufsatz in einer Zeitschrift 
Jenseits des Alarmismus : Lampedusa und die Notwendigkeit eingreifender Wissenschaft
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVIII/ 117, 2014, Heft 3+ 4

und noch nicht abgeschoben sind, im Niemandsland zwischen den Staa-ten, nicht mehr BürgerInnen ihres Herkunftslandes oder dort verfolgtund noch nicht nach europäischem und internationalem Recht aner-kannt sind, befinden sie sich in einem rechtsfreien Raum, in dem ihre( Menschen-) Rechte de facto außer Kraft gesetzt sind.

Doch was passiert nun, wenn ihnen ein Aufenthaltstitel zuerkanntwurde?

Für die meisten Flüchtlinge stehen keine Unterkunft und keinefinanzielle Unterstützung zur Verfügung, weil es an Plätzen mangelt.Um zu überleben, müssen sich viele der Männer in der Landwirtschaftin Süditalien, auf den Orangenplantagen in der Zone um die kalabrischeStadt Rosarno als Tagelöhner verdingen, in Lebens- und Arbeitsverhält-nissen, die an Sklaverei erinnern. 14 Dabei handelt es sich um die andereSeite der gleichen Medaille, und es ist wichtig, diesen Zusammenhangzu unterstreichen. Die neue Sklaverei, die sich nicht nur in Italien aus-breitet, ist die andere Seite der Abschottung an den Grenzen. Dennsie impliziert, dass wir die Menschen, die doch hereinkommen nachEuropa, weil die Grenze nicht hermetisch abgeriegelt ist, im untersten,am stärksten von Ausbeutung gekennzeichneten Segment des europäi-schen Arbeitsmarktes wiederfinden, zu Bedingungen, zu denen die Ein-heimischen nicht zu arbeiten bereit sind. Das wiederum erinnert an diejahrhundertealte europäische Praxis, ein Dienstleistungsreservoir ausextrem prekarisierten Arbeitskräften zu schaffen. 15

Doch warum schaut hier niemand hin? Warum sehen wir über dieseZustände nichts im Fernsehen oder in den Zeitungen?

Der eklatante Zustand, die Verhältnisse der» Dritten Welt Glossar ::: zum Glossareintrag  Welt«< mittenunter uns, wird ohne» katastrophales Ereignis«< nicht als Krise media-tisiert im Gegensatz zu Lampedusa. Es scheint ein unterschwelligesEinverständnis zu geben, dass die ungebetenen Flüchtlinge keine sozia-len Rechte bekommen. Weil sie in Italien keine Unterstützung erhalten,haben sie keine Wahl als die untersten Positionen des Arbeitsmarktes

14 Gilles Reckinger, Diana Reiners: Der Preis der Orangen. Vom Flüchtling ausAfrika zum Sklaven in Europa, In: Manfred Omahna, Johanna Rolshoven( Hg.):Ver- Arbeiten. Aufsätze und Skizzen zu gesellschaftlichen Umbrüchen in städti-schen und ländlichen Räumen. Ein Buch für Elisabeth Katschnig- Fasch(= GrazerBeiträge zur Europäischen Ethnologie, 18). Marburg 2014, S. 67–74.

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Noam Chomsky: Profit over people. Neoliberalismus und globale Weltordnung.Hamburg, Wien+2001.