68 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIX/ 118, 2015, Heft 1+ 2
gegossen hat. Das ist in Medjugorje gewesen, wohin er alljährlich fährtund das wohl nicht nur, weil ihm dort ein Haus gehört: Er bringt imGespräch eine unmittelbare Beziehung zu diesem Erscheinungsort zumAusdruck und auch zu dieser Mariengestalt, von der er ein Pendantauch bei sich zu Hause stehen hat. Und wenn wir uns bei dieser Darstel-lung der Maria mit auf der Brust gekreuzten Armen und leicht geneig-tem Kopf etwa an den Bildtyp bzw. an das Motiv der Verkündigung( Annuntiatio) des Herrn an Maria³⁰ erinnert fühlen würden, so wärediese ikonographische Überlegung für ihn völlig belanglos – geht es ihmdoch ganz persönlich um die Verehrung dieser Figur, von deren Gestusund Ausdruck er sich beeindruckt, ja» bewegt« zeigt. Wenig verbindetihn dagegen mit der Gestalt des Hl. Scharbel. Mit ihr hat er ganz einfachnur in Gips wiederholt, was er vorgefunden hat, ohne weitere persönli-che Anteilnahme; und gefragt, was denn das für ein Heiliger sei, kann erbloß die Meinung seines verstorbenen Großvaters wiedergeben, wonachder Scharbel der Patron vormals der Kutscher bzw. heute der Taxifahrerwäre eine Zuständigkeit, die wir allerdings getrost und im Einklangmit gängiger Literatur weiterhin dem Hl. Fiacrius überlassen können.
Damit bin ich am Ende meiner vorläufigen Mitteilung über diesenGrinzinger Bildstock. Er war und ist von gestalterischen Eingriffen undAneignungen recht ambivalenter Natur geprägt- Aneignungen, die etwain ihrer derzeitigen Ausgestaltung als volksfrommer< Ausdruck der ebengeschilderten Glaubenshaltung genommen werden können, aber auchals schlichtes Resultat jener dekorativen Funktion, die der Besitzer die-ses> Kleinkunstdenkmals< an seiner neuen Adaptierung wohl vor allemschätzt und die im Übrigen ein Beispiel mehr für die heutige Unver-bindlichkeit der Nutzungsmöglichkeit religiöser Objektivationen ist.
Ein Bildstock revisited: Manchen mag so eine Betrachtung nicht mehrals ein Gruß aus den beschaulichen Gefilden der alten Volkskunde sein- wenig bedeutend und abseits von sogenannter gesellschaftlicher Rele-vanz. Man kann darin aber auch ein wie immer bescheidenes Beispiel für
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30 Siehe zur Ikonographie auch den Beitrag von Aldo Galli unter http: //www.bigli.com/ kunstwerk/ 111/ maestro- della- madonna- del- topo/ betendes- m% C3% A4dchen.
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aspx( Zugriff: 24.6.2015).
So hat etwa der Hausherr in der Weihnachtszeit 2014 Statue und Eingangstor zuseinem Anwesen mit der gleichen roten Seidenschleife geziert- als gewissermaßentemporäres häusliches Gesamtkunstwerk.